Er ist 28 und lebt seit fünf Jahren in Istanbul, in Sicherheit. Wobei, was heißt schon Sicherheit, wenn die Familie noch im Iran ist und die Zukunft seines Heimatlandes derzeit so ungewiss ist wie wohl niemals zuvor. Seinen Namen will er besser nicht veröffentlicht haben.
"Ist das wirklich mein Teheran?", sagt er und blickt auf die Bilder der Toten, die Tag für Tag trotz Internetsperre nach draußen dringen. Er weiß natürlich, was dort in den vergangenen Tagen geschehen ist – er wusste es, wie die meisten Iranerinnen und Iraner im Ausland, eigentlich schon, bevor die Bilder kamen. Eine Internetsperre war auch in der Vergangenheit schon ein Mittel, um Proteste im Schatten der Weltöffentlichkeit blutig niederschlagen zu können.
Ungekannte Brutalität
Ein Augenzeuge aus dem Iran berichtet: "An jeder Ecke haben sie damit begonnen, von Tür zu Tür zu gehen, zu klopfen und 'unter Beobachtung' zu notieren." Es seien teils völlig willkürliche Aktionen, um Angst zu verbreiten. Aktuell gelingt es dem Regime, so viel Angst zu verbreiten, dass tatsächlich keine weiteren Massenproteste stattfinden. Vorbei ist die Krise im Iran bei weitem noch nicht.
Unsere Kontakte im Land beschreiben eine bizarre Realität: Einerseits könnte man bei oberflächlicher Betrachtung an manchen Orten tagsüber fast glauben, es herrsche wieder Normalität. Der Verkehr fließt in Teheran, und die Menschen kaufen Lebensmittel ein. Doch im Grunde ist nichts normal: Nach 17 Uhr seien die Straßen wie leergefegt, berichten BR-Quellen, in manchen Ortschaften patrouillierten bewaffnete Milizen, die ohnehin schon stark gestiegenen Preise für Konsumgüter sind seit Beginn der Proteste noch einmal in die Höhe gegangen und viele Menschen gehen weiterhin nicht zur Arbeit. Schlicht, weil sie nicht arbeiten können, denn das Internet ist immer noch nicht wieder zugänglich.
Rhetorik wird schärfer
Das Regime verschärft seine Rhetorik derweil auch gegenüber den USA deutlich. Vom Beschwichtigen Mitte vergangener Woche, als Irans Außenminister Abbas Araghtschi im US-Fernsehen erklärte, Hinrichtungen seien (zumindest an Donnerstag und Freitag) nicht geplant, ist wenig übrig. Am Samstag machte Irans oberster Führer Ali Chamenei US-Präsident Donald Trump für die Proteste verantwortlich, diese seien "eine amerikanische Verschwörung". Und er drohte: "Mit Gottes Gnade muss die iranische Nation den Aufrührern das Rückgrat brechen, so wie sie dem Aufruhr das Rückgrat gebrochen hat."
Für die Iraner im Ausland, wie den 28-Jährigen in Istanbul, ist klar: Das Regime muss gestürzt werden. Wie? Und was kommt dann? Die Fragen geraten für sie angesichts des aktuellen Leids der Menschen im Iran fast in den Hintergrund. So uneins die Opposition im Ausland ist – die Hoffnung, dass sich jetzt etwas, irgendetwas ändert, eint sie doch.
Flugzeugträger auf dem Weg
Hoffnungsvoll blicken vor allem die Iraner im Ausland nach Washington. Trump hatte die Menschen im Iran ermutigt, auf die Straße zu gehen, gepostet, Hilfe sei auf dem Weg. Taten folgten darauf nicht. Als Trump verkündete, das iranische Regime habe ihm nun versichert, keine Protestierenden umzubringen, schien ein Eingreifen vom Tisch zu sein.
Doch der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln ist auf dem Weg in die Region. Aus dem Südchinesischen Meer kommend passiert er aktuell Schiffstrackingdiensten zufolge die Westküste Malaysias. In der zweiten Wochenhälfte könnte er ankommen.
Trump bleibt unberechenbar
Es gibt Beobachter, die bezweifeln, dass Trump bis dahin noch Interesse am Iran hat. Die Geschwindigkeit, mit der die US-Regierung Nachrichten erzeugt, hat die Aufmerksamkeit auch der amerikanischen Öffentlichkeit auf andere Dinge gelenkt. Doch wenn das Internet im Iran wieder freigeschaltet wird und das ganze Ausmaß der Brutalität offenliegt, wenn das Regime doch anfängt, Todesurteile zu verhängen, kann sich die Situation wieder zuspitzen.
Im Iran wissen die Menschen wohl nicht, was sie von einem möglichen US-Angriff halten sollen. Es greife das Gefühl um sich, so berichtet es ein Kontakt im Land, man sei in einer Sackgasse gelandet.
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