Mit entschlossenem, aber auch nachdenklichem Blick, in leuchtend blauem Blazer vor goldbraunem Hintergrund hat sich Angela Merkel für die Porträtgalerie im Kanzleramt malen lassen. Am Abend wurde das Gemälde des deutsch-französischen Künstlers Jérémie Queyras im Berliner Bode-Museum in Anwesenheit der früheren Kanzlerin enthüllt. Im Oktober soll es Regierungschef Friedrich Merz für das Kanzleramt übergeben werden – aber nur als Leihgabe.
Merkel wählte 28-jährigen Künstler aus
Bis dann soll es auf der Berliner Museumsinsel nur wenige Meter von ihrer Wohnung einem breiten Publikum präsentiert werden. Zur Präsentation im kleinen Kreis kamen eine Reihe früherer Weggefährten Merkels, darunter Ex-Kanzleramtschef Peter Altmaier und die frühere Bildungsministerin Annette Schavan.
Die Ex-Kanzlerin hat sich sehr lange Zeit gelassen, bis sie sich im vergangenen Jahr für den heute erst 28-jährigen Künstler aus einer Freiburger Musikerfamilie entschied. Ihr Ausscheiden aus dem Amt nach 16 Jahren liegt nun schon fast fünf Jahre zurück. "Ich brauchte Abstand", sagt Merkel bei der Enthüllung. Das Porträt sollte kein Punkt auf einer abzuarbeitenden To-Do-Liste werden, "sondern ich wollte Freude an einem solchen Vorgang haben".
Ex-Kanzlerin zahlt Porträt selbst
Merkel stand laut der Wochenzeitung "Zeit" monatelang Modell für das Gemälde des bisher eher unbekannten Künstlers Queyras. Dieser habe die ehemalige Kanzlerin seit Sommer vergangenen Jahres immer wieder getroffen und sie in einem eigens dafür eingerichteten Atelier in Berlin porträtiert.
Material und Maler hat laut "Zeit" die Altbundeskanzlerin selbst bezahlt. Ihr sei es wichtig gewesen, dass das Bild ihr gehöre. Dementsprechend sei es sowohl im Bode-Museum als auch im Kanzleramt nur eine Leihgabe.
Spuren der Macht im Gesicht der Ex-Kanzlerin
Für den blauen Blazer hat sich Merkel entschieden, weil die Farbe etwas Starkes, Herrschaftliches hat. Deswegen hat sie sich anders als alle ihre sieben Vorgänger auch im Stehen malen lassen – in leichter Überlebensgröße, bis zu den Knien. Auf das Gesicht fällt ein starkes Licht, das die "Spuren der Macht" zur Geltung bringen soll, wie es heißt. Die Hände sind nicht zur Merkel-typischen Raute geformt. Die linke Hand liegt stattdessen auf einer Sessellehne.
Handschriftliche Bewerbung schon 2022
Der Künstler hatte sich bei Merkel schon 2022 handschriftlich beworben, musste dann aber drei Jahre auf den Auftrag warten. Im April 2025 folgte das erste Gespräch, und ein Prozess begann, der im Frühjahr zum offiziellen Staatsporträt Merkels führte. Die Entscheidung für Queyras sei ein "kleines Abenteuer" gewesen, sagt die 71 Jahre alte Ex-Kanzlerin. Immerhin trennten sie mehr als 40 Lebensjahre. Der junge Deutsch-Franzose habe ihr Interesse aber vor allem als "Wanderer zwischen den Welten" geweckt.
Das Projekt habe sein Leben verändert, sagt Queyras bei der Enthüllung. "Ein Porträt wie dieses konnte nur da entstehen, wo Vertrauen herrscht", sagt er. Er habe Merkel als Mensch, aber auch ihrer Amtszeit gerecht werden wollen. Sein Ziel sei es gewesen, sie so zu malen, dass man sie sofort erkennt, aber auch von einer neuen Seite kennenlernt.
Scholz hat sich noch nicht entschieden
Im Kanzleramt wird Merkel ihren Platz neben Gerhard Schröder bekommen, den der inzwischen verstorbene Düsseldorfer Künstler Jörg Immendorff malte – mit viel Gold. Der goldbraune Hintergrund des Merkel-Porträts sei nicht zufällig goldbraun geworden, heißt es mit Blick darauf.
Neben Merkel gibt es einen weiteren Ex-Kanzler, der noch gemalt werden muss. Olaf Scholz hatte bereits während seiner Amtszeit im April 2024 in einer Fragerunde mit Schülerinnen im Kanzleramt verraten, dass er sich schon Gedanken über den Künstler gemacht habe. Er habe "auch schon eine erste Idee", die er aber nicht ausplaudern wolle, sagte er damals. Entschieden hat er sich nach Angaben seines Büros aber bis heute nicht.
Um sein Porträt unterzubringen, muss aber wahrscheinlich die ganze Galerie neu organisiert werden: Wenn Merkel dort hängt, ist kein Platz mehr. Vorschläge "zu einer alternativen Hängung" der Porträts seien in Prüfung, heißt es dazu aus dem Kanzleramt.
Mit Informationen von dpa, AFP und EPD
Im Video: Merkel stellt ihr Portrait vor
Kanzlerin Merkel bei der Enthüllung ihres Porträts
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