Erst einmal vorweg: Dem Kind von Jens Spahn – Georg heißt es – und seinen Eltern ist nur das Beste zu wünschen. Jedes Kind hat ein Recht auf Liebe, Fürsorge und eine möglichst unbeschwerte Kindheit. Daran rüttelt niemand. Und der Ausspruch von Franz Beckenbauer, den Spahn jetzt zitiert, nämlich "Der liebe Gott freut sich über jedes Kind" trifft eine christliche Grundintuition: Leben ist ein Geschenk. Doch das taugt nicht als moralischer Freibrief.
Leihmutterschaft ist aus guten Gründen verboten
Denn Jens Spahn ist nicht irgendein homosexueller Mann, der sich seinen Kinderwunsch erfüllt hat. Er ist Fraktionsvorsitzender der Union und hat damit immensen Einfluss auf die Gesetzgebung. Er prägt maßgeblich die Spielregeln mit, an die sich jeder im Land halten muss. Und Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten – aus guten Gründen. Der Gesetzgeber will eine Ausbeutung von Frauen verhindern und das Kindeswohl nicht gefährden. Seit 1991 gibt es das Verbot, da war Jens Spahn längst noch nicht im Bundestag.
Spahn hat die Linie seiner Partei stets mitgetragen
Spahn selbst hat diese Linie aber immer politisch mitgetragen. Als Gesundheitsminister hat er Vorstöße zur Liberalisierung der Leihmutterschaft abgelehnt, seine Partei mit dem C im Namen hat das Verbot erst im Februar noch einmal bekräftigt. Nun aber nutzt einer ihrer profiliertesten Köpfe exakt dieses Modell – nicht zufällig in den USA, wo es legal ist und teils auch ein Geschäftsmodell.
Der moralische Widerspruch bleibt
Juristisch bewegt sich Jens Spahn damit im Rahmen dessen, was die deutsche Rechtslage toleriert: Die Bundesrepublik erkennt Kinder aus ausländischen Leihmutterschaften an, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Er bricht kein Gesetz, er nutzt eine Rechtsordnung, die bewusst pragmatisch ist.
Moralisch bleibt aber der Widerspruch: Wer hier Leihmutterschaft mit Verweis auf Ausbeutung und Kindeswohl verhindert, sich privat aber derselben Praxis im Ausland bedient, sendet ein fatales Signal. Was kinderlosen Paaren in Deutschland verweigert wird, darüber setzt sich einer der mächtigsten Volksvertreter hinweg. Damit bestätigt Jens Spahn kurz vor den Landtagswahlen im Osten genau jenes Narrativ, mit dem die politischen Ränder auf Stimmenfang gehen.
Im Video: Theologe Reiner Anselm über Leihmutterschaft
Prof. Reiner Anselm, evangelisch-theologische Fakultät Ludwig-Maximilians-Universität
Im Video: Der Fall Spahn löst eine Debatte über Leihmutterschaft aus
Jens Spahn mit Ehemann Daniel Funke
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