Rund 30 junge Menschen stehen zusammen, einige halten eine geballte Faust in die Kamera. Das Gruppenfoto entstand im April beim Bundeskongress der Linksjugend. Zwei Personen halten eine Flagge mit dem Staatswappen der DDR – Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Eine der beiden ist Erik Uden, Mitglied im Vorstand der Linkspartei in Niedersachsen.
Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen, dass in der Linksjugend die DDR und Diktatoren wie Josef Stalin und Mao Zedong verherrlicht werden. Funktionäre aus Bundes- und Landesvorständen sowie Mitarbeiter von Linken-Bundestagsabgeordneten beteiligen sich daran. Das belegen Posts in sozialen Netzwerken, Veranstaltungsfotos sowie Beiträge im internen Forum des Jugendverbands, in das der BR exklusiv Einblick nehmen konnte.
Seit 2024 hat sich die Mitgliederzahl der Linksjugend fast verdoppelt. Derzeit zählt sie rund 14.300 Mitglieder. Auch beim Bundesparteitag der Linken am kommenden Wochenende in Potsdam ist der Jugendverband dabei. Bei ihrem Bundeskongress im April hat die Linksjugend 30 Delegierte für den Parteitag gewählt. Fotos, die dem BR vorliegen, zeigen, dass die Flagge mit DDR-Staatswappen im Tagungsraum hing. Nach BR-Informationen schritten weder Tagungsleitung noch Bundesvorstand ein.
Arbeitskreis will radikalisieren
BR Recherche hat mit mehr als einem Dutzend Linksjugend-Mitgliedern gesprochen. Sie berichten von einer wachsenden Begeisterung für den Realsozialismus. Fotos von Mitgliederversammlungen in Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen zeigen schwarz-rot-goldene DDR-Flaggen. Dabei hat die Linke als Nachfolgepartei der SED vor Jahrzehnten mit DDR und Stalinismus gebrochen.
Erik Uden, der auf dem Bundeskongress-Foto die Flagge mit DDR-Wappen hält, arbeitet für die Bundestagsabgeordnete Anne-Mieke Bremer. Laut BR-Recherchen stand er im Impressum des Linksjugend-Bundesarbeitskreises "Agitationspropaganda", kurz "BAK Agitprop". Auf der Linksjugend-Webseite stand bis vor Kurzem, der BAK wolle die Jugend "radikalisieren".
Der Arbeitskreis verbreitet auf Instagram Bilder von Stalin, Mao und DDR-Staatsratschef Erich Honecker. In einem Post verortet er sich in der "Tradition realsozialistischer Staaten wie der DDR". Ein Video zeigt Stalin in Uniform unter rotierenden gelben Sicheln. Im Arbeitskreis sind zu dem Zeitpunkt Funktionäre aus mehreren Landesvorständen.
Etwa Finn P., Landessprecher der Linksjugend Hamburg, der im internen Verbandsforum schreibt: "Lang Lebe Stalin!" Nila K., Landessprecherin der Linksjugend Baden-Württemberg, ist nach BR-Recherchen Mitgründerin des BAK Agitprop und gehört zur Leitung des sogenannten "Zentralkomitees" des Arbeitskreises. Im Forum nennt K. ihn "stalinistisch".
Mao als Teil der "Heiligen Dreifaltigkeit"
Zu einem Mao-Bild schreibt der BAK Agitprop auf Instagram: "Lasst uns weiter kämpfen. Für die die vor uns kamen und die, die nach uns kommen." Auch Maximilian K., bis vor wenigen Wochen Bundessprecher der Linksjugend, bezieht sich positiv auf Mao: Im Verbandsforum postet er die sogenannte Mao-Bibel und bezeichnet sie als Teil einer "Heiligen Dreifaltigkeit". Auf Anfrage erklärt K., er habe keine hervorgehobene Stellung im Jugendverband und verweist auf den Bundesvorstand der Linksjugend. Nila K. erklärt, gegenwärtig nicht im Landesverband zu sein.
Nach BR-Anfragen an Linksjugend, Funktionäre und BAK Agitprop löst sich der Arbeitskreis am 1. Juni auf. Auf Instagram löscht er alle Posts. Bis dahin erhielt er Geld vom Bundesverband. Nila K. erklärt, gegenwärtig nicht im Landesvorstand zu sein. Finn P. reagiert nicht auf BR-Anfrage.
Uden, der im Impressum des Arbeitskreises stand, hat mehr als 50 Beiträge des BAK Agitprop auf Instagram wohlwollend kommentiert, etwa mit "Banger" oder "Based". Auf BR-Anfrage schreibt er: Er sei nicht an der Erstellung und Veröffentlichung von Inhalten auf Webseite oder Social-Media-Auftritten beteiligt gewesen. Er lehne autoritäre Staaten und ihre Führer ab. Seine Arbeitgeberin, die Bundestagsabgeordnete Bremer, schreibt von intensiven Gesprächen mit Uden, die "laufend fortgeführt" würden.
"Die Revolution fordert Opfer"
Einen Tag nach der Auflösung des BAK Agitprop antwortet dessen "Zentralkomitee" dem BR ausführlich. Es schreibt, Stalin habe die "Modernisierung vorangebracht" und "Kapitalisten bestraft". Es habe auch Fehler gegeben, "aber es war eben noch die Übergangsstufe des Sozialismus". Zu Stalins totalitärer Herrschaft und den Gulags erklärt der Arbeitskreis, er wolle sich auf die positiven Seiten des "Realsozialismus" beziehen.
Über Mao schreibt das Zentralkomitee, er habe viele Seiten gehabt; bei der "Organisierung der Klasse" könne man von ihm lernen. Zu inhaftierten Oppositionellen und Mauertoten in der DDR erklärt der Arbeitskreis: "Die Revolution fordert Opfer. Es geht um ein größeres Ziel für das sich einzelne auch opfern müssen."
Der Professor für Politikwissenschaften der Universität Passau, Lars Rensmann sagt: "Wer Mao und Stalin als Heroen einer Linken hochhält, tritt für autoritäre Diktatur und Massenverbrechen ein." Stalinismus stehe für eine "brachiale, dünn kommunistisch legitimierte, totalitäre Herrschaftspraxis".
Der Bundesvorstand der Linksjugend teilt dem BR mit, die Linksjugend distanziere sich von "stalinistischen und maoistischen Gruppen sowie deren Ideologien". Er werde die "Sachverhalte intern prüfen" und "gegebenenfalls weitere Konsequenzen ziehen".
Linksjugend-Arbeitskreis: "Die DDR ist Teil unseres Erbes"
Dem BR vorliegende Beiträge aus dem internen Forum der Linksjugend zeigen, wie verbreitet die Verherrlichung der DDR ist. So zitiert etwa eine Landessprecherin Honecker. Und Dasha D., Ex-Linksjugend-Bundesvorständin und Mitarbeiterin der Abgeordneten Katalin Gennburg, schreibt über die Armee der DDR: "Die NVA war eine antimilitaristische institution, die den frieden geschützt hat. Von demokratischem deutschen boden ist schließlich nie ein krieg ausgegangen."
D. ist laut BR-Recherchen Mitgründerin des Bundesarbeitskreises Klassenkampf der Linksjugend. Auch dieser Bundesarbeitskreis bezieht sich positiv auf die DDR. Als etwa im März 2025 mehrere Grabtafeln gestohlen wurden, darunter die der SED-Funktionäre Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, schreibt der BAK Klassenkampf auf Instagram: "Unser Gedenken an unsere Vorbilder könnt ihr uns nicht nehmen!"
Zum früheren Nationalfeiertag der DDR erklärt der Arbeitskreis: "Die DDR ist Teil unseres Erbes und dieses lassen wir uns nicht wegnehmen." Weiter heißt es: "Was einst funktionierte, kann auch wieder erfolgreich sein." D. kommentiert den Post mit "AUFERSTANDEN", dem ersten Wort der DDR-Hymne.
Bundessprecherin in der Tradition der FDJ
Im Mai postet Bundessprecherin Selina Pfister auf Instagram ein Foto mit Symbolen der Freien Deutschen Jugend (FDJ), dem DDR-Jugendverband. "FDJ-Fahnen für die Tradition", schreibt sie, "wir knüpfen an eine Tradition an, die heute relevanter ist denn je." Auf BR-Anfrage teilt die Linksjugend mit, der Post stelle "einen Ausschnitt ethnographischer Beobachtungen" aus ihrem Kulturanthropologie-Studium dar.
Der Bundesvorstand der Linksjugend besteht nach BR-Informationen ausschließlich aus Mitgliedern des BAK Klassenkampf; ein Bundessprecher, Limes Schäfer, gehört zur Leitung.
Politikwissenschaftler Rensmann sagt dem BR, Ulbricht und Grotewohl seien Personen, die an Aufbau und Durchsetzung einer brutalen Diktatur beteiligt gewesen seien. Aus den Äußerungen zur DDR spreche "die Sehnsucht nach einem autoritären, militaristischen, repressiven Staat ohne Meinungsfreiheit". Die NVA zu verherrlichen oder antimilitaristisch zu nennen, sei "grotesk".
Dasha D. antwortete dem BR nicht. Ihre Arbeitgeberin Katalin Gennburg teilt mit: Die Linke habe "jeder Form von Autoritarismus und dessen Verherrlichung eine Absage erteilt". Darum nehme sie die "Hinweise sehr ernst"; sie seien Gegenstand intensiver Gespräche.
Auf BR-Anfrage teilt die Linksjugend mit, sie lehne die DDR wegen fehlender Demokratie, Grundrechtseinschränkungen und Repression ab. DDR-Symbole bewerte sie kritisch. Nach den BR-Anfragen löschten Linksjugend-Mitglieder mehrere Beiträge und stellten Instagram-Konten privat.
Der frühere Landessprecher der Linksjugend Bayern, Michael Ulbig, sieht beim BAK Klassenkampf das Interesse, "stark in die Partei hineinzuwirken". Ulbig ist im März von seinem Amt zurückgetreten, weil aus seiner Sicht "ein Wunsch nach ideologischer Reinheit" dominiert, der politische Kompromisse im Landesverband erschwert. Er wolle nicht, "dass die Linksjugend sich in eine Kleinstsekte entwickelt".
Landessprecherin fordert "alternativen Jugendverband
Auch Linksjugend-Landessprecherin Hannah Akgül aus dem Saarland sagt, die Verherrlichung von Stalin, Mao und der DDR widerspreche "Grundwerten wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und emanzipatorischen Ansprüchen eines linken Jugendverbandes". Gemeinsam hätten die Anhänger der Bundesarbeitskreise Klassenkampf und Agitprop eine Mehrheit im Verband. Gelder für die Linksjugend sollten stattdessen in einen "alternativen Jugendverband" fließen.
Linkspartei-Bundesgeschäftsführer Janis Ehling sagt, die Partei habe das Gespräch mit dem Jugendverband gesucht; dort werde nun über Konsequenzen diskutiert. Die Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion, Ina Latendorf, teilt mit, die Mitarbeiter im Bundestag seien Angelegenheit der jeweiligen Abgeordneten, nicht der Fraktion. "Persönlich lehne ich die geschilderten Inhalte ab", sagt Latendorf.
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