Am Anfang sind es ein paar Seiten auf Instagram. Religiöse Inhalte, Prediger, Videos. Amir (Name geändert) ist vor fünf Jahren 16 Jahre alt und auf der Suche nach Antworten. Er stammt aus einem muslimisch geprägten Elternhaus, radikal ist seine Familie nicht.
Doch Amir klickt weiter. Irgendwann werden ihm Gruppen im Messenger Telegram zugeschickt. Dort tauschen sich Jugendliche und Erwachsene über Religion aus – aber auch über die Terrororganisation IS. Amir beginnt, den radikalen Chat-Partnern zu glauben.
"Wir Muslime werden unterdrückt – und die sind die Einzigen, die etwas dagegen tun", beschreibt er heute seine damalige Überzeugung.
Er sieht Kriegsvideos, Bilder von leidenden Muslimen. Für komplizierte Konflikte bekommt er plötzlich einfache Erklärungen. Und er findet eine Gemeinschaft, die ihm vermittelt, auf der richtigen Seite zu stehen. Schließlich ist Amir überzeugt: Die Leute vom IS kennen sich mit dem Islam am besten aus.
Auf "Ungläubige" schießen – ein Auftrag aus dem Netz?
In wenigen Tagen, am 23.9., beginnt vor dem Landgericht Augsburg der Prozess gegen einen jungen islamistischen Attentäter. Der damals 21-Jährige soll im vergangenen Jahr im schwäbischen Dillingen mit einem Luftgewehr auf Autofahrer geschossen haben, glücklicherweise ohne Menschen zu treffen. BR und SWR hatten vor einigen Monaten berichtet, dass der Mann Teil einer islamistischen Chatgruppe war, in der es um Gewaltfantasien ging.
Vom Chat in die geschlossene Gruppe
Die beiden Fälle zeigen ein Phänomen, das Sicherheitsbehörden zunehmend beobachten: Islamistische Radikalisierung findet heute oft dort statt, wo Jugendliche ohnehin einen großen Teil ihrer Zeit verbringen – auf Instagram, TikTok, Telegram, aber auch beim Gaming. Dem bayerischen Verfassungsschutz seien ebenfalls entsprechende Fälle im Freistaat bekannt, wird dem BR24- Funkstreifzug bestätigt. Dabei können unterschiedliche Plattformen und digitale Räume ineinandergreifen.
Schüsse, Befehle, brennende Städte: Junge Gamer lassen bewaffnete Figuren gegeneinander kämpfen. Gegner werden erschossen oder mit Macheten getötet. Immer wieder tauchen schwarze Flaggen des IS auf. Terroristen erscheinen als Helden. Auch auf der Spieleplattform Roblox werden IS-Anschläge und Militäreinsätze nachgespielt, warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz.
Der Sozialwissenschaftler Constantin Winkler vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt am Main forscht zu Radikalisierung und digitalen Spielekulturen. "Anders als beim Lesen eines Propagandatextes übernehmen Spieler selbst eine aktive Rolle", sagt er. Das mache es besonders interessant.
Doch das Spiel ist häufig nur der Anfang. Die eigentliche Rekrutierung finde meist in der direkten Kommunikation statt. Ein Link führt zum nächsten, aus offenen Räumen werden immer radikalere geschlossene Gruppen und Foren.
Plattformbetreiber sehen keinen zusätzlichen Handlungsbedarf
Die Plattformbetreiber erklären auf Anfrage, gegen solche Inhalte vorzugehen. Roblox verweist auf technische Schutzmaßnahmen, Sicherheitsteams und die Zusammenarbeit mit Strafverfolgungsbehörden, um extremistische Inhalte zu erkennen und zu entfernen. Meta, der Konzern hinter Instagram, erklärt, gewaltbereite extremistische Gruppen von seinen Plattformen auszuschließen und Nutzer auch auf Hilfs- und Ausstiegsangebote hinzuweisen. Von Tiktok und Telegram gibt es keine Antwort.
Die Kulturanthropologin Kaiya Reisch kritisiert, dass die Gefahren durch aggressive Propaganda im Netz nach wie vor viel zu wenig Beachtung fänden. Reisch forscht für die Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus. Statt pauschaler Verbote in Verbindung mit Altersgrenzen plädiert sie für stärkere Regulierung und klare Vorgaben, welche Inhalte überhaupt veröffentlicht werden dürfen bzw. gelöscht werden müssen.
Jugendliche sind leichter zu instrumentalisieren
Amir ist als Jugendlicher eingetaucht in die digitale Welt der Islamisten. In seinen Telegram-Gruppen sprechen Jugendliche darüber, eine Polizeistation oder einen Weihnachtsmarkt anzugreifen. Amir sagt, er selbst habe keinen Anschlag begehen wollen. Doch wenn ein 15- oder 16-Jähriger davon rede, Menschen umzubringen, und Ältere antworteten: "Maschallah, Bruder, richtig sagst du das", dann fühle sich der Jugendliche bestätigt. So habe er das damals selbst erlebt.
Amir gerät schließlich ins Visier der Behörden. Nachdem er IS-Propaganda in sozialen Netzwerken verbreitet hat, wird seine Wohnung durchsucht. Immerhin: Amir entscheidet sich, freiwillig an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen.
BR24 auf TikTok: So nutzen Islamisten Gaming
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