Iraner versammeln sich und blockieren dabei eine Straße während eines Protests in Teheran, Iran, am 9. Januar 2026.
Iraner versammeln sich und blockieren dabei eine Straße während eines Protests in Teheran, Iran, am 9. Januar 2026.
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Protest in Teheran: Die jüngsten Proteste im Iran ließ das Regime blutig niederschlagen.
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Protest in Teheran: Die jüngsten Proteste im Iran ließ das Regime blutig niederschlagen.

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Narrativ des Mullah-Regimes: Wie Teheran die Proteste umdeutet

Narrativ des Mullah-Regimes: Wie Teheran die Proteste umdeutet

Das iranische Regime rückt nach den Massakern der ersten Januarwochen keinen Millimeter von seinem selbstgerechten Narrativ ab. Das wird auch bei einem Gespräch des iranischen Botschafters Majid Nili Ahmadabadi mit Journalisten in Berlin deutlich.

Über dieses Thema berichtet: BAYERN 3-Nachrichten am .

Zur Einstimmung auf das Gespräch zeigt der iranische Botschafter Majid Nili Ahmadabadi ein mit dramatischer Musik untermaltes Video. Im Vorspann heißt es, Aufnahmen von Überwachungskameras aus dem ganzen Land enthüllten als Proteste getarnte terroristische Gewalt. Zu sehen sind unter anderem vermummte Männer, die mit Gewehren schießen. Die Ziele werden nicht gezeigt. Die Identität der Schützen bleibt unklar.

Offenbar soll das Video suggerieren, es handle sich um Demonstranten, die mit Waffengewalt Regimekräfte bekämpfen. Was tatsächlich in den Szenen passiert, erschließt sich aus den Aufnahmen nicht. In einer weiteren Sequenz schlagen und treten eine Vielzahl von Männern auf einen am Boden liegenden Uniformierten ein. Bis auf die durch Untertitel genannte Örtlichkeit, die Uhrzeit und das Datum – es war offenbar der 08.01.2026 – werden erneut keine Angaben gemacht.

45-seitiger Regime-Bericht zu den Protesten am Jahresanfang

Im Anschluss erklärt Ali Bahraini, iranischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in Genf, per Videoschalte, wer aus Regimesicht für die Gewaltexzesse während der landesweiten Proteste in den ersten beiden Januarwochen verantwortlich sei.

Zur Unterfütterung seiner Behauptungen schickt die Botschaft nach dem Journalistengespräch einen 45-seitigen Bericht an die Presse. Dieser soll belegen, dass anfangs friedliche Demonstrationen so manipuliert wurden, dass daraus organisierte Krawalle entstanden.

Erste Proteste der Basarhändler aufgrund wirtschaftspolitischer Entscheidungen des Regimes seien völlig legitim gewesen, so der Text. Doch dann hätte sich US-Präsident Donald Trump eingeschaltet und die Demonstranten durch eine Botschaft auf dem Nachrichtenkanal X aufgewiegelt. Trump schrieb am 2. Januar 2026, die USA würden friedlichen Demonstranten zur Hilfe kommen und hätten die Waffen durchgeladen.

Iran beschuldigt USA und Israel

Im Übrigen hätten Terrorgruppen mit Unterstützung des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad zivile und staatliche Einrichtungen gezielt angegriffen, so der Bericht. Als Beweis zitiert das Regime unter anderem einen Post des EX-CIA-Chefs Mike Pompeo, ebenfalls vom 2. Januar, auf dem Nachrichtenkanal X. Er wünscht den Iranern auf der Straße ein glückliches neues Jahr und auch den "Mossad-Agenten", die an deren Seite mitlaufen.

Der Bericht führt auf, wie viele und welche staatlichen Institutionen, also Schulen, Bibliotheken, Krankenhäuser, Regierungsgebäude, Bushaltestellen, aber auch Bankautomaten oder Ladengeschäfte zerstört worden seien. Er zeigt Fotos von Kindern und Erwachsenen, die während der gewalttätigen Krawalle umgekommen sein sollen. Schließlich wird die Behauptung aufgestellt, der iranische Präsident habe die Sicherheitskräfte angewiesen, zurückhaltend gegen die Demonstranten vorzugehen.

Bericht geht nicht auf Augenzeugen ein

Mit keiner Silbe geht das Dokument auf die unzähligen Augenzeugenberichte von Iranerinnen und Iranern ein, die nach den Protesten detailliert schilderten, mit welcher Brutalität Revolutionsgarden und die zu der paramilitärischen Einheit gehörenden Basidsch-Milizen gegen die Demonstranten vorgegangen sind. Ebenso wenig beschäftigt sich der Bericht mit dem massiven Einsatz von Schusswaffen oder mit dem Vorwurf, Sicherheitskräfte hätten gezielt auf Köpfe geschossen.

Auch die während der Proteste veröffentlichten Fotos und Videos von aneinandergereihten Leichen in den Straßen iranischer Städte finden keine Erwähnung. Insgesamt seien 2.427 Zivilisten und 3.117 Sicherheitskräfte ums Leben gekommen, so wird behauptet. Zahlen, die sich deutlich von den Einschätzungen von Menschenrechtsorganisationen unterscheiden, die von mehreren 10.000 Opfern ausgehen.

Das Internet, so die Erläuterungen, sei im Iran ausgeschaltet worden, um die Kommunikation der vom Ausland gesteuerten Terrorgruppen zu unterbinden. Dass dadurch Aufnahmen, die zeigen, was tatsächlich im Land passiert, nicht ins Ausland gelangen konnten, verschweigt der Bericht.

Versuch, westliche Medien zu beeinflussen

Offenbar bemüht sich das Regime trotz erdrückender Beweise, die den staatlichen Gewaltexzess belegen, westliche Journalisten von seinem Narrativ zu überzeugen. Unstrittig ist, dass der israelische Geheimdienst ein gut organisiertes Netzwerk in Iran kontrolliert. Kein Wunder, denn die Mullahs haben seit der islamischen Revolution 1979 keine Gelegenheit ausgelassen, Israel mit der Vernichtung zu drohen. Doch selbst ein Mossad hat nicht die Fähigkeit, landesweite Demonstrationen und Ausschreitungen wie zu Jahresbeginn im Iran zu orchestrieren.

Diese sind vielmehr die Konsequenz harter wirtschaftlicher Sanktionen aufgrund eines die Welt bedrohenden iranischen Raketen- und Atomprogramms. Das Gespräch mit den Medienvertretern und der 45-seitige Bericht machen deutlich, dass das Regime zu keinerlei Selbstreflexion bereit ist.

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