Archivbild: Oberster iranischer Führer Ali Chamenei
Archivbild: Oberster iranischer Führer Ali Chamenei
Bild
Archivbild: Oberster iranischer Führer Ali Chamenei
Bildrechte: picture alliance/dpa/Supreme Leaders Office
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance/dpa/Supreme Leaders Office
Audiobeitrag

Archivbild: Oberster iranischer Führer Ali Chamenei

Audiobeitrag
>

Proteste im Iran: Steht das Regime vor dem Fall?

Proteste im Iran: Steht das Regime vor dem Fall?

Die Proteste im Iran haben sich zu einem landesweiten Aufstand entwickelt, der Sicherheitsapparat reagiert mit äußerster Härte. Das Mullah-Regime steht unter Druck – aber auch vor dem Fall?

Über dieses Thema berichtet: BAYERN 3-Nachrichten am .

Bundeskanzler Friedrich Merz rechnet mit einem baldigen Ende der iranischen Staatsführung. Welche Erkenntnisse ihn zu dieser Einschätzung verleiten, ist unklar. Der österreichische Iranist und Reserveoffizier Walter Posch zeigt sich im Gespräch mit BR24 skeptisch, wenn der schnelle Niedergang des iranischen Regimes prophezeit wird.

Mullahs haben weiterhin Gewaltmonopol

Zwar soll es tote Sicherheitskräfte aufgrund des Widerstands der Demonstranten geben, doch das Gewaltmonopol der Mullahs und ihrer bewaffneten Schergen sei noch nicht grundsätzlich infrage gestellt worden, sagt Posch im Interview.

Allerdings wachse der Druck auf die iranische Führung wegen des wirtschaftlichen Niedergangs des Landes deutlich. Dass die zu den Revolutionsgarden gehörenden Basidsch-Milizen nur mit extremer Brutalität die Demonstrationen eindämmen konnten, sei allenfalls ein "Pyrrhussieg", so Posch.

Regime in Teheran steht unter Druck

Es mehren sich Berichte aus dem Iran, dass Scharfschützen gezielt auf Köpfe von Demonstranten geschossen haben. Viele Beobachter sind sich einig, das sei ein Zeichen dafür, dass die Nerven der Machthaber blank liegen. "Die Massenarmut hat das Regime und seine treuesten Anhänger erreicht", sagt Posch, der an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg in Iranistik promovierte.

Konkret geht es um die das Land militärisch kontrollierenden Revolutionsgarden. Die neben den Streitkräften wichtigste Stütze des Regimes hat die Faust auf der Ölproduktion und den größten Unternehmen des Landes.

Auch systemtreue Milizen spüren wirtschaftliche Lage

Soldaten der Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen genannten Reservisten hatten deshalb bisher trotz der grassierenden Armut ein vernünftiges Auskommen. Weil Sanktionen die Wirtschaft zunehmend in die Knie zwingen und der finanzielle Spielraum der Garden kleiner wird, dürfte es inzwischen auch im Apparat eine Diskussion um die Zukunft der Führung geben, analysiert Posch.

Bemerkenswert findet er, dass die eigentlich das System stützenden Basarhändler an den Demonstrationen teilgenommen haben. Die traditionellen "Basaris", so der Iranist, seien fromme Leute. Wenn sie aus offensichtlich ökonomischen Beweggründen gegen die Führung opponieren, habe das eine neue Qualität.

Zivilbevölkerung ist nicht bewaffnet

Gegen einen schnellen Zusammenbruch des Regimes spricht aus Sicht des Experten ein entscheidender Faktor. Die iranische Zivilbevölkerung sei traditionell nicht bewaffnet und könne sich deshalb gegen eine mehrere hunderttausend Mann starke Miliz kaum durchsetzen. Es müsse erst einen Riss im Sicherheitsapparat geben. Wenn ein signifikanter Anteil der Revolutionsgarden oder anderer bewaffneter Sicherheitskräfte sich entscheidet, das Regime mit Waffengewalt zu bekämpfen, dann sei der Wandel kaum noch aufzuhalten, so Posch.

Der aus dem Iran stammende deutsche Journalist und Buchautor Ali Sadrzadeh ergänzt, man dürfe den Einfluss schiitischer Kleriker auf die Revolutionsgarden nicht unterschätzen. Es gibt zwischen 200.000 und 300.000 Mullahs im Iran. Eine genaue Zahl ist nicht bekannt.

Sadrzadeh hat eine Biografie über den obersten iranischen Führer Ali Chamenei geschrieben. Ein Teil der Geistlichkeit seien Anhänger eines radikalen, messianischen Schiitentums, so Sadrzadeh. Wie viele das sind, sei unklar, aber Chamenei gehöre dieser Strömung an und befördere sie seit der Übernahme der Herrschaft. Deshalb hätten die Radikalen seit Langem die Hebel der Macht in der Hand.

Traditionelle Mullahs sind weniger radikal

Der größere Teil der Kleriker sei traditionell geprägt und beobachte mit Sorge, dass sich immer mehr Iraner von der Religion abwenden. Frauen würden den Hijab, also das Kopftuch, ablegen, sobald sie in einem Flugzeug ins Ausland sitzen und dieses gestartet sei. Diese Entfremdung vom Islam habe zu einem internen Konflikt in der Geistlichkeit geführt.

Innerhalb der Revolutionsgarden sei die für Auslandseinsätze spezialisierte Qods-Brigade vom schiitischen Messianismus geprägt. Soldaten dieser Brigade seien im syrischen Bürgerkrieg in der Stadt Aleppo äußerst brutal gegen Opponenten vorgegangen.

Die tödlichen Kopfschüsse während der aktuellen Demonstrationen erinnern Sadrzadeh an die messianische Handschrift dieser Eliteeinheit. Das diesmal besonders harte Vorgehen der Sicherheitskräfte mit den vielen Toten spreche für die Sorge im System, dass die Demonstrationen ein Ausmaß erreichen, das nicht mehr kontrolliert werden kann. Vieles spricht dafür, dass sich Iran dem politischen Wandel nähert, aber der Tag X noch nicht erreicht ist.

Video: Iran plant Hinrichtungen

Das iranische Regime reagiert mit äußerster Gewalt auf die Proteste
Bildrechte: BR
Videobeitrag

Das iranische Regime reagiert mit äußerster Gewalt auf die Proteste

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!