Die Regierungsmehrheit von Union und SPD hat im Bundestag für die Apotheken-Reform von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) gestimmt. Grüne und AfD votierten im Parlament dagegen, die Linke enthielt sich. "Um die Gesundheitsversorgung in Zukunft sicherstellen zu können, müssen die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden", sagte Warken. In den Apotheken sollten aber keine "komplexen Diagnosen" gestellt werden.
Die Apotheken in Deutschland können damit bald mehr Leistungen anbieten als bisher – sofern der Bundesrat erwartungsgemäß zustimmt. Konkret unter anderem:
- Mehr Impfungen: Zusätzlich zu Schutzimpfungen gegen Corona und Influenza dürfen Apotheken bald auch Impfungen mit sogenannten Tot-Impfstoffen durchführen. Also zum Beispiel gegen Tetanus, Hepatitis, HPV, Gürtelrose und FSME.
- Medikamente ohne Rezept: Apotheken dürfen bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente ohne ärztliches Rezept abgeben, wenn die Patienten sie (zunächst) selbst bezahlen. Gehen soll das bei akuten, unkomplizierten Erkrankungen wie einer Blasenentzündung. Oder als "Anschlussversorgung" bei Menschen mit chronischen Krankheiten. Eine genaue Liste kommt noch.
- Schnelltests: Apotheken dürfen Selbstzahler-Schnelltests anbieten, etwa auf Influenza- oder Noro-Viren. Das soll auch helfen, Infektionsketten schneller zu unterbrechen.
- Blut abnehmen: Apotheken dürfen künftig bei Menschen ab 18 Jahren Standard-Blutentnahmen durchführen – nach einer entsprechenden ärztlichen Schulung.
- Vorbeugung: Auch Angebote zur Früherkennung von beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes dürfen die Apotheken bald machen.
- Vergleichbare Medikamente leichter ausgeben: Apotheken sollen künftig leichter ein anderes, vorrätiges Präparat mit gleicher Wirkstärke und Wirkung abgeben als das verschriebene Medikament. Dafür soll es, anders als bisher oft, in der Regel Geld von der Krankenkasse geben.
"Apothekenfixum": Mehr Vergütung von den Krankenkassen
Die finanziell wichtigste Anpassung: Das sogenannte Apothekenfixum steigt im kommenden Jahr. Dabei geht es um Geld, das Apotheken für ihre fixen Betriebskosten von den Krankenkassen bekommen. Bisher sind das 8,35 Euro pro abgegebener Packung eines verschreibungspflichtigen Medikaments. Ab kommendem Jahr liegt der Betrag bei 9,50 Euro.
Apothekerverbände drängen seit Jahren auf eine Erhöhung. Ab wann genau die jetzt beschlossene Erhöhung gelten soll, ist allerdings noch offen. Besonders kleinere Apotheken kämpfen mit gestiegenen Mieten und Personalkosten, sowie höheren Energiepreisen. Zudem machen Online-Versandapotheken, auch aus dem Ausland, vielen stationären Apotheken günstige Konkurrenz.
Flexiblere Öffnungszeiten und weniger Bürokratie
Wann sie öffnen, sollen die Apotheken durch die Reform mehr selbst entscheiden können. So können sich Geschäftszeiten besser am Bedarf orientieren, heißt es vom Bundesgesundheitsministerium. Und: Vorübergehend sollen auch erfahrene pharmazeutisch-technische Assistenten in ländlichen Regionen den Betrieb aufrechterhalten dürfen – es muss also nicht immer ein Apotheker da sein. Allgemein sollen die Apotheken weniger bürokratische Aufgaben erledigen müssen.
Warum gibt es viel Kritik an der Apotheken-Reform?
Die Grünen-Abgeordnete Paula Piechotta bezeichnete die Reform in der Bundestagsdebatte über das Gesetz als "Murks". In einer Zeit, in der über Einsparungen bei den Sozialversicherungen beraten werde, belaste die Reform das Sozialsystem um Milliarden Euro – und das ohne Gegenfinanzierung.
Einen anderen Ton schlug der bayerische AfD-Abgeordnete Martin Sichert an. Er forderte eine noch höhere Anhebung der Apotheken-Vergütungen. Die AfD bezeichnet die Reform als "Notnagel statt Strategie", weil sie an der Situation mit den Online-Versandapotheken nichts ändere.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnte schon vor dem Beschluss des Bundestags: "Diagnostik, Indikationsstellung und Therapie sind keine Bausteine, die nach Belieben in andere Hände gegeben werden dürfen." Die gesetzlichen Krankenkassen sind ebenfalls unglücklich. "Für nächstes Jahr kommen damit Mehrkosten von deutlich über einer Milliarde Euro auf uns zu", kritisierte Stefanie Stoff-Ahnis, Vize-Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands. Bezahlen müssten das über die Beiträge die 75 Millionen gesetzlich Versicherten und ihre Arbeitgeber.
Was sagen eigentlich die Apothekerverbände?
Auch bei den Apothekerinnen und Apothekern sind die Reaktionen gemischt. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände begrüßt zwar, dass mehr Leistungen möglich werden. Das helfe den Patienten unmittelbar und trage zur Entlastung des Gesundheitssystems bei. Andererseits warten viele auf den genauen Zeitplan für die Erhöhung des Apothekenfixums durch die Krankenkassen.
Mit Informationen von AFP
Im Video: Apotheken-Reform sorgt für Kritik
Apotheken
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