Die gigantische Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Peking im September 2025 – sie zeigt, wie sich die Volksrepublik mittlerweile sieht. Die Kernsätze der Rede von Staats- und Parteichef Xi Jinping: "Heute muss sich die Menschheit wieder zwischen Krieg und Frieden, Dialog oder Konfrontation entscheiden; zwischen einer Kooperation, bei der alle gewinnen, und einem Nullsummen-Spiel." Es war eine Botschaft an alle demokratisch regierten Staaten, auf die Volksrepublik zu setzen und sich vom großen Rivalen USA abzuwenden.
Chinas Alternativen zum amerikanischen Exportmarkt
Beklatscht wurde Xis Rede von über 20 Staatschefs. Darunter Wladimir Putin, dessen Kriegswirtschaft ohne China kaum denkbar wäre. Auch wenn sich Außenminister Wang Yi bei der Münchner Sicherheitskonferenz stets als möglicher Friedensstifter im Ukraine-Krieg präsentiert – bislang gibt es keine Anzeichen für irgendwelche chinesischen Schritte in diese Richtung.
Auch für den Handelskrieg der USA gegen China ist die aktuelle Lage problematisch, sagt Daleep Singh, der als Sicherheitsberater der US-Regierungen Biden und Obama gearbeitet hat: "Der Handelskrieg läuft für China hervorragend. Waren, die früher in die USA gingen, verkaufen sie nun nach Europa, nach Asien und in den globalen Süden. Und sie gewinnen Marktanteile in fast jedem strategischen Bereich: Schiffe, Autos, Drohnen, Batterien, pharmazeutische Produkte oder Solarpanele."
Lage in Taiwan wird immer bedrohlicher
Wirtschaftsmacht bedeutet zunehmend auch geopolitische Macht. Besonders deutlich wird das am Beispiel Taiwan. Peking droht der Insel vor ihrer Ostküste seit langem mit Krieg. Denn diese Insel sieht die kommunistische Volksrepublik als ihr eigenes Territorium an – obwohl Taiwan seit Jahrzehnten demokratisch regiert wird. Die USA unterstützen Taiwan zwar seit langem militärisch, aber der vielleicht noch bessere Schutz ist die taiwanesische Halbleiter-Industrie. Nirgendwo auf der Welt werden leistungsstärkere Mikrochips gebaut als dort. Die alle brauchen – auch China. Trotzdem ist das für Taiwan kein perfekter Schutzschirm.
Kommt es 2027 zum Krieg?
2027 steht das 100-jährige Jubiläum der chinesischen Volksbefreiungsarmee an. Könnte diese dann Taiwan angreifen? Militärexpertin May-Britt Stumbaum von der geopolitischen Risiko-Beratung Spear Institute sagt: "Xi Jinping, so habe ich gehört von meinen Quellen in Peking, ist doch sehr fixiert auf dieses Datum."
Stumbaum und auch viele andere Analysten sorgen sich, weil zuletzt ranghohe chinesische Militärs abgesetzt wurden, die vor einem schnellen Angriff auf Taiwan gewarnt hatten.
Aber würde die chinesische Armee wirklich eine Invasion der Insel wagen? Wo nach Pekinger Lesart das eigene Volk lebt? "Es macht keinen Sinn für die Volksrepublik, Taiwan komplett dem Erdboden gleichzumachen. Vor allem mit den wertvollen Dingen, die es dort gibt, etwa der Halbleiterindustrie", sagt Stumbaum. "Und außerdem weiß man auch: Wenn man etwas komplett mit Gewalt übernimmt, dann kostet das so viel, die Menschen in Schach zu halten." May-Britt Stumbaum beobachtet jedoch, dass Cyber-Angriffe und ein Psycho-Krieg gegen taiwanische Politiker stetig zunehmen. Schon eine Blockade der Insel könnte wichtige internationale Lieferketten zerstören.
Was die mittleren Mächte ausrichten können
Wie können sich die EU und andere gegen die zwei Supermächte behaupten? Es geht, sagte der kanadische Premier Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos. In München wird er vermutlich mit derselben Botschaft auftreten: Die mittleren Mächte müssten zusammen agieren. Denn wenn sie nicht am Tisch säßen, stünden sie auf der Speisekarte.
"Kanada hat sehr gut gezeigt, das ist nicht hoffnungslos", sagt May-Britt Stumbaum. "Wir haben Japan, wir haben Südkorea, wir haben Australien. Wir haben die europäischen Länder. Es gibt viele Länder, die in diese Richtung gehen wollen. Mit denen müssen wir uns besser abstimmen."
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