"Es war einfach nur eine weitere kopfverdrehende, geschichtsverbiegende, schwindelerregende Woche in US-Präsident Donald Trumps Washington", bilanziert der langjährige Chef des amerikanischen Think-Tanks "Atlantic Council", Fred Kempe, die vergangenen sieben Tage. Der ehemalige Auslandskorrespondent des "Wall Street Journal" sucht, wie so viele kundige Beobachter des US-Präsidenten, Antworten auf die Frage nach den Motiven Trumps. Zwar würde ständig das Wort "beispiellos" verwendet, mit dem das Tempo und die Tragweite seiner Entscheidungen charakterisiert werde. Aber dies würde dem Ernst der Geschehnisse nicht gerecht.
Ein Vertrauter Trumps, so berichtet Fred Kempe, habe ihn in diesen Tagen darauf hingewiesen, dass die Kritiker des Präsidenten "seine Entschlossenheit unterschätzt" hätten, "das umzusetzen, was er als 'Revolution des gesunden Menschenverstands' bezeichnet" habe. Nämlich alles auf den Kopf zu stellen, "von den transatlantischen Beziehungen und der Zukunft des Nahen Ostens bis zur Auslandshilfe und der Exekutivgewalt der USA."
"Fassungslos über die Geschwindigkeit der Ereignisse"
Vor allem in den Reihen der Europäer, die geglaubt hatten, sich auf eine zweite Amtszeit Trumps politisch eingestellt zu haben, ist das Entsetzen über die Rigorosität unverändert groß. Die Europäer seien "fassungslos von der Geschwindigkeit der Ereignisse", analysiert das "Wall Street Journal" in seiner Wochenend-Ausgabe.
Selbst diejenigen in der EU, die gedacht hätten, sich gut auf die Rückkehr Trumps ins Weiße Haus vorbereitet zu haben, seien überrascht worden. Auch die offen zur Schau gestellte Abneigung gegenüber Europa, die Trump und seine ihm dienenden Kabinettsmitglieder artikulieren, hat die allermeisten EU-Staats- und Regierungschefs auf dem falschen Fuß erwischt. Trump verfolge eine "Anti-Europa-Politik". Anders würden dies die Europäer nicht bewerten können, seien es seine Entscheidungen, "gegen die Europäische Union gerichtete Zölle" zu verhängen, die "irreführenden Argumente Russlands zur Ukraine" zu übernehmen, Europa von den Friedensverhandlungen "über ihren eigenen Kontinent" auszusperren oder die Sicherheitsverpflichtungen gegenüber Verbündeten zu verwässern.
"Was Sie erleben, ist eine Revolution"
Welche Art von Logik steckt hinter den hektischen Aktivitäten Trumps? Und welches endgültige Ziel strebt der US-Präsident an? "Was wir erleben, ist eine Revolution (Trumps) gegen eine Reihe von vermeintlichen Gegnern", glaubt der Chef des "Atlantic Council", Fred Kempe, zu beobachten.
Die Bandbreite der vermeintlichen Gegner ist ebenso unterschiedlich und willkürlich. Unter dem Oberbegriff des "tiefen Staates" (deep state) finden sich darunter etwa die CIA, das US-Militär, lang gediente Regierungsbeamte, die "Ideologie" der Ex-Präsidenten Obama und Biden oder die "liberalen" Medien. Außen- und außenhandelspolitisch zählen mittlerweile alle diejenigen Handelspartner und Verbündete zu den vermeintlichen Gegnern, die "die Großzügigkeit der USA auszunutzen scheinen".
Am wichtigsten sei es vermutlich, dass Trumps "Revolution" darauf abziele, "das zu zerbrechen, was nach Ansicht der Trump-Administration in Ordnung gebracht werden" müsse: Bündnisse, Verträge, Vereinbarungen, Institutionen, Regierungs- und Staatsstrukturen. Denn, davon seien der US-Präsident und seine engsten Berater überzeugt, "die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass Reformen nicht möglich sind." Was dabei auf dem Weg zerstört wird, nähmen die "Revolutionäre" billigend in Kauf, einerlei, ob es sich um drastisch sinkende Aktienkurse oder das Schicksal hunderttausender entlassener Regierungsangestellter handelt.
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