Moritz Tapp vom Umweltinstitut München steht auf der Terrasse des Schneefernerhauses an der Zugspitze und schraubt an einem Messgerät. Wochenlang hat das Gerät feinste Partikel gesammelt, die bis auf die Höhe von Deutschlands höchstem Berg getragen wurden. Jetzt gehen die Filter zur Analyse ins Labor.
Die erste Zwischenbilanz ist eindeutig: Die Umweltschützer haben Rückstände von Glyphosat und anderen Pestiziden gefunden. "Wir sehen hier auf der Zugspitze: Pestizide bleiben nicht dort, wo sie eingesetzt werden", sagt Tapp. Die Konzentrationen seien zwar sehr gering. Das Problem sei aber, dass Menschen solchen Spuren ein Leben lang ausgesetzt seien, über Luft, Essen und Wasser.
Die meisten Pestizide sollen nur noch einmal geprüft werden
Welche Pestizide auf Europas Feldern eingesetzt werden dürfen, entscheidet die EU. Bisher wird jeder Wirkstoff nach zehn bis 15 Jahren nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft neu bewertet. Nach einem Vorschlag der EU-Kommission aus dem Dezember 2025 sollen die meisten Pestizide künftig nur einmal zugelassen werden und dann ihre Zulassung behalten. Wiederholt geprüft würden nur noch Stoffe, die schon heute als besonders problematisch gelten. Das Europaparlament berät derzeit über das Vorhaben.
Über 50 Wirkstoffe durchgefallen
BR Data hat alle 241 konventionellen Wirkstoffe in der EU-Pestizid-Datenbank ausgewertet, für die seit Juni 2011 eine Wiederzulassung anstand. Das Ergebnis: 54 Wirkstoffe wurden nicht erneut genehmigt, weil sie gefährlicher waren als bei der Erstzulassung angenommen. Bei zwei weiteren konnte ein Risiko nicht ausgeräumt werden.
Darunter sind Mittel, die jahrzehntelang auf Europas Feldern gespritzt wurden. Das Insektizid Chlorpyrifos etwa wurde gegen Schädlinge im Obst-, Gemüse- und Getreideanbau eingesetzt. Erst bei der Neubewertung wurde es vom Markt genommen, weil der Stoff die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen kann.
Für 111 weitere Wirkstoffe haben die Hersteller keine Verlängerung beantragt oder das Verfahren vor einer Entscheidung abgebrochen. Ein Beispiel ist Chromafenozid, das unter anderem im Apfelanbau eingesetzt wurde. Die Herstellerfirma ließ die Zulassung nach eigenen Angaben aus Kostengründen auslaufen. Einige weitere Firmen nennen die Neubewertung auf BR-Anfrage zu teuer und zu aufwendig. Ein Unternehmen gab an, es habe absehen können, dass der Stoff die strengeren Anforderungen nicht erfüllen würde.
Diese 111 Stoffe dürfen heute ebenfalls nicht mehr verkauft werden. Mit einer unbefristeten Genehmigung wären sie vermutlich weiter auf dem Markt, ohne dass ihr Risiko nach neuem Wissensstand bewertet worden wäre.
In Zukunft nur anlassbezogene Prüfungen
Wenn das Gesetzesvorhaben so beschlossen wird, fallen die regelmäßigen Kontrollen weg. Die Sicherheit von Pestiziden soll weiter durch anlassbezogene Prüfungen von Wirkstoffen nach Artikel 21 der EU-Pflanzenschutzmittelverordnung gewährleistet werden.
Im Video: Kontrovers - Die Story: Kampf um Pestizide · Weniger Bürokratie, mehr Risiko?
Experten bemängeln, dass die Kommission in der Vergangenheit nur in wenigen Fällen dieses Verfahren angestoßen hat, obwohl es Hinweise aus der Wissenschaft gab. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen zudem, dass Artikel-21-Verfahren zu anderen Ergebnissen führen können als die regelmäßigen Neubewertungen. Zu den wenigen Anwendungsfällen gehören Chlorpyrifos und die für Bienen gefährlichen Neonikotinoide. In beiden Fällen wurden die Wirkstoffe nicht nach Artikel 21, sondern erst im Wiederzulassungsverfahren endgültig verboten.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina sieht das Gesetzesvorhaben kritisch. Sie kommt zu dem Schluss, dass "das aktuelle Schutzniveau für Mensch und Umwelt dann nicht mehr gewahrt werden kann". Eine ungewohnt scharfe Kritik der sonst sehr zurückhaltenden Institution.
Landwirtschaft und Industrie befürworten Deregulierung
Die EU-Kommission weist die Kritik auf BR-Anfrage zurück: "Die Lebens- und Futtermittelsicherheit in der EU bleibt nicht verhandelbar und stützt sich stets auf fundierte wissenschaftliche Bewertungen". Sie begründet ihre Pläne damit, dass das "derzeitige System der Wiederzulassungsverfahren für jeden Wirkstoff nicht mehr praktikabel ist". Chronische Verzögerungen im Prozess würden Kapazitäten binden und das führe dazu, dass neue innovative Wirkstoffe jahrelang nicht geprüft würden.
Hermann Greif vom Bayerischen Bauernverband, selbst Landwirt, beklagt den Verlust vieler Wirkstoffe durch die komplexe Wiederzulassung. Gerade in Nischen wie dem Obst- oder Gemüseanbau seien viele Mittel verschwunden, "weil sie nicht mehr lukrativ für die Industrie waren". Der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar, Frank Gemmer, bestätigt das und verweist auf hohe Kosten: "Unsere Unternehmen werden nur noch Wirkstoffe in die Zulassung geben, bei denen sie mit hoher Sicherheit davon ausgehen können, dass sie die Zulassungshürde überstehen".
Gesetzgebungsverfahren läuft
Der Rat der EU hat kürzlich seine Position zu dem Kommissionsvorschlag vorgelegt. Demnach soll eine befristete Zulassung beibehalten werden, die Laufzeit aber auf bis zu 25 Jahre verlängert werden. Aufgrund einer Vielzahl von Änderungsvorschlägen rechnen Abgeordnete nicht mehr mit einer Entscheidung in diesem Jahr.
Über die Daten
Für die Analyse hat BR Data die Daten aus der EU-Pestizid-Datenbank und EU-Durchführungsverordnungen sowie Review Reports ausgewertet. Dabei wurde der Fokus auf konventionelle Pflanzenschutzmittel gelegt. Grundstoffe, Repellentien und Lockmittel wurden für die Analyse ausgeschlossen.
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