Schattenriss des Brandenburger Tors, Drohnen am Himmel, die russischen Farben am Rand des Bildes.
Schattenriss des Brandenburger Tors, Drohnen am Himmel, die russischen Farben am Rand des Bildes.
Bild
"Wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung", sagt Bundesinnenminister Dobrindt. Reagiert Deutschland angemessen?
Bildrechte: picture alliance / TASS | Alexander Polegenko, picture alliance / Rainer Keuenhof | Rainer Keuenhof, colourbox.com/Ievgen Shcherbyna; Montage: BR/Maxi Schumann
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / TASS | Alexander Polegenko, picture alliance / Rainer Keuenhof | Rainer Keuenhof, colourbox.com/Ievgen Shcherbyna; Montage: BR/Maxi Schumann
Videobeitrag

"Wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung", sagt Bundesinnenminister Dobrindt. Reagiert Deutschland angemessen?

Aktualisiert am
Videobeitrag
Erschien zuerst am
>

Russlands Drohnen: Ist Deutschland wehrlos?

Russlands Drohnen: Ist Deutschland wehrlos?

Sprengstoffdrohnen am Leipziger Flughafen, Drohneneinschläge in Personenzüge anderthalb Kilometer vor der Nato-Grenze. Russland testet den Westen. Reagiert Deutschland angemessen? Oder tut die Regierung zu wenig? Eine Analyse.

Über dieses Thema berichtet: Possoch klärt am .

Eine mit Militärsprengstoff bestückte Drohne dringt unbemerkt in den Flughafen Leipzig/Halle ein, fliegt bis auf wenige Meter an eine ukrainische Antonow heran und wird mehr oder weniger zufällig entdeckt, nicht durch ein Abwehrsystem. Anfang dieser Woche trifft eine russische Drohne den Triebkopf eines Zuges von Kiew nach Warschau. An Bord eines anderen Zuges direkt davor: der britische Ex-Premier Boris Johnson, Schwedens Ex-Regierungschef Carl Bildt und der außenpolitische Berater von Kanzler Merz.

Deutschland ist nicht wehrlos, sagt Gerhard Mangott, Experte für Sicherheitsforschung im postsowjetischen Raum, im BR24-Interview für "Possoch klärt". "Aber die asymmetrische Zurückhaltung gegen Angriffe ist sicherlich nicht die richtige Strategie."

Nachgeben wird Putin nicht stoppen

Sabotage, GPS-Störungen, Spionage, Cyberangriffe, Desinformation: Der hybride Krieg Russlands gegen Deutschland ist längst Realität. Das Ziel dahinter beschreibt Mangott klar: Es geht nicht um Schaden um des Schadens willen, sondern darum, Verunsicherung in der Bevölkerung zu erzeugen, so viel, dass die öffentliche Zustimmung zur Ukraine-Unterstützung sinkt und politischer Druck auf die Bundesregierung wächst.

Russland-Expertin Leslie Schübel von der Körber-Stiftung widerspricht der naheliegenden Gegenstrategie: Wer glaube, die Angriffe hörten auf, wenn Deutschland die Ukraine nicht mehr unterstützt, irre. Selbst Moldau, das keine Waffen liefert, und Armenien, das noch offiziell mit Russland verbündet ist, sind Ziele massiver hybrider Einflussnahme. "Die Logik, dass wir einfach aufhören, die Ukraine zu unterstützen, und dafür sicher vor Russland sind, funktioniert nicht."

Im Video: Russlands hybrider Krieg gegen Deutschland – Sind wir wehrlos? Possoch klärt!

Generalkonsulat schließen – reicht das aus?

Deutschlands Antwort auf die Sprengstoffdrohne: das russische Generalkonsulat in Bonn schließen, den Vertrag über das Russische Haus in Berlin kündigen. Außenminister Wadephul (CDU) nennt das eine "harte Reaktion". Mangott sieht das anders: Deutschland hätte spätestens jetzt Nato-Konsultationen nach Artikel 4 einleiten müssen. Nicht als Signal der Eskalation, sondern als Signal der Entschlossenheit: "Es ist gewissermaßen eine Einladung an die russische Seite, es einfach zu probieren, ob noch schärfere Angriffe möglich sind ohne Konsequenzen."

Schübel zieht einen historischen Vergleich: Wer sich ansieht, wie Deutschland 2014 auf die Krim-Annexion reagiert hat, weiß, was passiert, wenn man auf russische Grenzverschiebungen zu zaghaft antwortet. Zu wenig Reaktion sei keine neutrale Position, sondern selbst eine Antwort. Und Putin lese sie entsprechend.

Schützen oder zurückschlagen?

Grundsätzlich hat Deutschland zwei Möglichkeiten zu reagieren: Prävention und aktive Gegenmaßnahmen. Zu Ersterem gehört: Infrastruktur schützen, Resilienz aufbauen, Abwehrzentren schaffen, die alle Varianten hybrider Kriegsführung zusammenführen. Mangott fordert genau das: Ein gemeinsames Abwehrzentrum, das Anschläge nicht nur aufklärt, sondern vereitelt. Zum Zweiten gehören Cyberoperationen, Hackbacks, offensive Geheimdienstaktivitäten. Bisher darf der BND das offiziell nicht, er ist ein Nachrichtendienst, kein Angriffsinstrument. Eine geplante Reform soll seine Befugnisse 2027 ausweiten.

Das Dilemma bleibt: Zu harte Reaktionen riskieren eine Eskalationsspirale. Zu weiche Reaktionen liest der Kreml als Einladung. "Diese Unsicherheit und Angst zu schüren, ist das Ziel des Angreifers", sagt Mangott. "Wenn man dann zu defensiv reagiert, nimmt man die Bevölkerung nicht mit und die fühlt sich im Stich gelassen."

Agnieszka Brugger (B90/Die Grünen), Mitglied im Verteidigungsausschuss, sieht im politischen Berlin eine "seltsame Mischung" aus Angst, Beharrungskräften und bei manchem den expliziten Wunsch nach Normalisierung mit Russland.

Deutschland ist nicht wehrlos. Aber die Drohne am Flughafen Leipzig-Halle wurde mit Glück entdeckt. Beim nächsten Mal gilt das vielleicht nicht mehr.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!