Die Website funktioniert wie ein Sci-Fi-Horrortrailer: geheime Akten, ein dramatischer Zähler mit über drei Millionen "Alien-Begegnungen", eine interaktive Karte mit rot aufflackernden Festnahmen – und ein roter Knopf, mit dem Bürger verdächtige Migranten bei der Einwanderungsbehörde ICE melden können. Recherchen zeigen, dass der Zähler nicht in Echtzeit läuft [externer Link], sondern fest in den Code einprogrammiert ist und automatisch weiterläuft – eine reine Simulation.
Entmenschlichung auf der Regierungswebsite
Philipp Adorf, Extremismusforscher an der Universität Bonn, ordnet die Kampagne im BR24-Interview für "Possoch klärt" ein: Es finde eine systematische Entmenschlichung statt – zunächst von irregulären Migranten, zunehmend aber auch von Menschen ohne weißen angelsächsischen Hintergrund generell.
Die Bildsprache erinnere an autoritäre Regime – manche KI-generierten Motive aus dem Arbeitsministerium, die blonde, muskulöse Männer auf Baustellen zeigen, riefen auch Assoziationen mit stalinistischer Propaganda wach.
USA 2026 sind nicht Deutschland 1933 – aber die Methoden ähneln sich
Sind da Vergleiche mit 1933 angemessen? Historiker Magnus Brechtken vom Institut für Zeitgeschichte München widerspricht einer Gleichsetzung: Der Nationalsozialismus habe auf einer kohärenten Vernichtungsideologie beruht, die so in den USA nicht existiere.
Die amerikanische Zivilgesellschaft wehre sich gegen ICE-Einsätze – das sei fundamental anders als die Denunziationsbereitschaft der deutschen Bevölkerung nach 1933. "Die amerikanische Öffentlichkeit des Jahres 2026 funktioniert nicht so."
Klima der Denunziation
Adorf verweist auf einen anderen Aspekt: ICE operiere mit unmarkierten Fahrzeugen, ohne Haftbefehl, mit massiv ausgeweiteten Befugnissen, und sei gleichsam ein "Staat im Staate" – und die einzige Behörde, deren Budget im Rahmen von Trumps Sparpaket nicht gekürzt, sondern erhöht wurde. "ICE ist mehr oder weniger zum 'Judge, Jury, and Executioner' geworden", also zum Richter, Geschworenen und Henker in Personalunion.
Der Aufruf zur Denunziation ziele darauf ab, ein neues gesellschaftliches Klima zu normalisieren: Menschen nicht als Nachbarn zu sehen, sondern als Gefährder.
In den ersten 50 Tagen der zweiten Trump-Amtszeit gab es mehr als 32.000 Festnahmen durch ICE – darunter über 700 legale US-Staatsbürger. Die Transportsicherheitsbehörde TSA leitete mehr als 31.000 Passagierdatensätze an ICE weiter; 97 von 100 der betroffenen Personen hatten nichts getan.
Im Video: Migrantenjagd per Mausklick – Ist das der Weg der USA in den Faschismus?
Das Muster hinter den Einzelmaßnahmen
Brechtken und Adorf sind sich in der Beschreibung des Geschehens einiger als im Streit um die richtigen Begriffe: Säuberung des Beamtenapparats, Angriff auf die Geburtsstaatsbürgerschaft, Prüfung der Aussetzung von Habeas Corpus, Begnadigung von Kapitol-Stürmern.
Das V-Dem-Institut in Schweden, das Referenzinstitut für globale Demokratiemessung, stuft die USA im Democracy Report 2026 [externer Link] als eines der westlichen Länder mit dem schnellsten Demokratieabbau ein. Der Fachbegriff lautet "executive aggrandizement" – Machtkonzentration in der Exekutive auf Kosten aller anderen Gewalten.
"Demokratien sterben durch Gewöhnung"
Die eigentliche Gefahr liegt laut Brechtken nicht im direkten Vergleich mit historischen Faschismen, sondern in einem langsameren Prozess: Demokratien müssten sich aktiv verteidigen – durch politische Kultur, durch die Bereitschaft, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren und Minderheitenrechte zu schützen. Genau diese Kultur stehe unter Druck.
"Faschismus wie bei den Nazis" – nein, darin sind sich Adorf und Brechtken einig. Aber das ist auch nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage sei: Was macht eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt, dass Nachbarn Nachbarn melden, dass eine Bundesbehörde ohne Kontrolle agiert? Dass Menschen als "Aliens" bezeichnet werden – und es sich irgendwann nicht mehr falsch anfühlt?
Adorf warnt deshalb vor der Außenwirkung: Was in den USA normalisiert werde, liefere anderen Regierungen ein Modell. Steve Bannon und andere knüpften gezielt Kontakte zu rechtspopulistischen Bewegungen in Europa [externer Link]. Politik, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war, werde implementiert – und das mache sie für andere nachahmbar.
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