2026 könnte das Jahr werden, in dem die AfD erstmals an einer Regierung ist – auf Landesebene, alleine, ohne Koalitionspartner. Was das bedeutet, was die Partei groß gemacht hat und warum die Brandmauer-Strategie nach hinten losgegangen ist, erklärt Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Philipp Adorf im BR24-Interview für "Possoch klärt".
BR24: Wird 2026 das Jahr der AfD?
Philipp Adorf: Die AfD wird 2026 wahrscheinlich ihre besten Ergebnisse bei Landtagswahlen holen – teilweise auch bei weitem. Im Vergleich zu den vorherigen Landtagswahlen in den entsprechenden Bundesländern wird das sicherlich ein sehr gutes Jahr für die AfD.
Keine Alternative zur Alternative?
BR24: Und wenn die AfD dann tatsächlich allein regiert – welche Auswirkungen hat das für die Demokratie?
Adorf: Eine AfD-Alleinregierung ist sicher keine schöne Perspektive. Aber sie wäre für die anderen Parteien in einem Sinne sogar positiv: Die Frage, ob die Brandmauer hält, stellt sich dann gar nicht mehr. Und die AfD könnte niemandem vorwerfen, dass sie daran gehindert wird, ihr Regierungsprogramm umzusetzen. So wie Geert Wilders in den Niederlanden immer sagen konnte: "Wenn ich so könnte, wie ich wollte, würde ich ganz anders agieren." Diese Ausrede hätte die AfD nicht.
Im Video: Wird 2026 das Jahr der AfD? Possoch klärt!
BR24: Warum mäßigt sich die AfD nicht, wie es Marine Le Pen oder Meloni getan haben?
Adorf: Dieser Flügel um Björn Höcke argumentiert: Wir werden von den anderen Parteien nie akzeptiert – also müssen wir so radikal wie möglich sein und selbst die Mehrheiten holen. Und die Wahlergebnisse 2026 werden die ostdeutschen Landesverbände als Beweis nehmen: Wenn ihr unseren Kurs der klaren Radikalität verfolgt, werdet ihr Erfolge haben. Das ist das Konfliktpotenzial innerhalb der Partei – man wird sehr gute Ergebnisse haben, aber diese Ergebnisse befeuern auch den internen Streit darüber, wie man sie erreicht hat.
Hat die Brandmauer die AfD stark gemacht?
BR24: Wer wählt die AfD eigentlich – und warum?
Adorf: Der Anteil der Wählerinnen und Wähler, die sagen, sie wählen die AfD aus Überzeugung, hat sich in den letzten Jahren erheblich erhöht. Die AfD ist keine simple Protestpartei mehr. Allerdings gibt es ein Paradox: Gerade weil die Partei so stark geworden ist und theoretisch regieren könnte, hadern manche Protestwähler jetzt. Sie fragen sich: Will ich wirklich, dass diese unerfahrene Partei tatsächlich regiert?
Philipp Adorf, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn
BR24: Ist die Brandmauer-Strategie ein Fehler gewesen?
Adorf: Wenn alle anderen Parteien miteinander koalieren müssen, dann darf man sich nicht wundern, wenn mehr Wähler zur AfD wandern – denn sie ist dann die einzige echte Oppositionspartei. Hätte man der AfD vor zehn Jahren Anreize zur Mäßigung gegeben – etwa durch Tolerierung von Minderheitsregierungen – wäre vielleicht der gemäßigtere Flügel gestärkt worden. Jetzt haben wir das "Worst-of-both-worlds": eine radikalere und eine stärkere AfD.
Das Vakuum in der Migrationspolitik
BR24: Was hat die AfD letztlich so groß gemacht?
Adorf: Erstens das Thema Migration – das stand über Jahre weit oben auf der politischen Agenda, und genau das ist das Kernthema der AfD. Zweitens: Die anderen Parteien haben dieses Feld lange vernachlässigt, dann spät Versprechen gemacht – und sie nicht geliefert. Das hat Wähler auf den Geschmack einer restriktiveren Migrationspolitik gebracht, die sie von der Ampel und zuvor von der CDU nicht bekommen haben. So konnte die AfD ein ganzes Politikfeld für sich allein besetzen.
Das ist übrigens ein echter Bruch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte: Lange galt, eine Partei rechts der Union kann nur überleben, wenn sie sich glaubhaft vom rechten Rand abgrenzt. Die AfD hat das nicht getan – und ist trotzdem erfolgreich. Das ist wirklich eine historische Veränderung in Deutschland.
BR24: Danke für das Gespräch.
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