"Ich bin wahnsinnig stolz auf die jungen Leute!", sagt Robert Schmucker. Der emeritierte Professor für Raumfahrttechnik hat an der Technischen Universität in München (TUM) gelehrt. Besonders den vielen hochmotivierten Studienabgängern sei der südbayerische Raumfahrtboom zu verdanken, findet Schmucker. Viele von ihnen haben an der TUM studiert, die durch Initiativen, wie das einst belächelte "Bavaria One", einige neue Raumfahrtinstitute und Professuren erhalten hat.
Qualifikation für europäisches Raketenprogramm
Außerdem profitiert Bayern stark von Europa. In die Raumfahrtindustrie fließt gerade viel Geld aus dem Raketenprogramm der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. "European Launcher Challenge – Europäischer Raketen-Wettbewerb" heißt eine der Esa-Initiativen. Start-ups können sich hier mit ihren Raketenprojekten bewerben. Wer sich qualifiziert, kann mit einer Finanzspritze von etwa 200 Millionen Euro rechnen. Gleich zwei der vier Gewinner kommen aus Augsburg und München: "Isar Aerospace" und die "Rocket Factory Augsburg (RFA)".
Die Anforderungen seien nicht gering gewesen, erklärt Thilo Kranz, zuständig für den European Launcher Challenge bei der Esa: "Wir haben uns die Konzepte der Start-ups genau angeschaut. Wenn wir überzeugt waren, dass es Ihnen gelingt, bis spätestens Ende 2027 eine Rakete in den Weltraum zu schießen, dann hatten sie gute Chancen." Außerdem soll die Rakete bis Ende 2028 serienreif sein. Isar Aerospace hat mit seinem erfolgreichen Start schon einen wichtigen Teil der Anforderungen erfüllt.
Junge Raketenbauer und erfahrene Ingenieure
Nicht mal eine Autostunde entfernt hat der andere bayerische Raketenbauer, die Rocket Factory Augsburg, ihre Produktionshallen. Die junge Firma ist eng mit der Raumfahrtfirma OHB in Oberpfaffenhofen verbunden. OHB ist ein Veteran der Raumfahrtindustrie und die jungen Raketenbauer sollen von dieser Erfahrung profitieren. Auch das zeichnet ein fruchtbares Raumfahrtökosystem aus: Neben den "jungen Wilden", die von den Universitäten mit neuen Ideen kommen, gibt es Firmen und Ingenieure mit jahrelanger Erfahrung.
Schon seit den 60er-Jahren hat sich in der Region eine Raumfahrtindustrie etabliert. Etwa Teile der genannten "Europa-Rakete" und des ersten europäischen Fernsehsatelliten "Symphonie" wurden in den 60er- und 70er-Jahren von der Ottobrunner Luft- und Raumfahrtfirma "Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB)" entwickelt. Die von der Rocket Factory Augsburg entwickelte Rakete soll noch in diesem Jahr starten. Damit hat sich auch diese Firma für die 200-Millionen-Förderung des European Launcher Challenge qualifiziert.
Triebwerke für wiederverwendbare Raketen
Trotz jahrzehntelanger Erfahrung: Die Münchner beziehungsweise europäischen Raketenbauer wurden in den letzten Jahren von den USA abgehängt. Hauptverantwortlich ist die Firma Space X mit der Falcon-9-Rakete. Ein großer Teil dieser Rakete kann nach dem Flug wieder landen und bis zu 40-mal wiederverwendet werden. Das spart Kosten und erlaubte im letzten Jahr knapp 200 Starts. Zum Vergleich: Die europäische Ariane-Rakete kann im Jahr höchstens Starts absolvieren, weil jedes Mal eine neue gebaut werden muss.
Eine wichtige Voraussetzung für eigene wiederverwendbare Raketen in Europa sind Triebwerke, die mehr als einen Flug durchhalten. Die wurden jetzt im Münchner Vorort Ottobrunn beim Nachfolgeunternehmen von MBB entwickelt, der ArianeGroup. Gerald Hagemann, ist hier Entwicklungschef: "Wir konnten auf spezielle Verfahren für den Triebwerksbau zurückgreifen, die auf Techniken basieren, die in den 60er-Jahren hier in Ottobrunn entwickelt wurden." Die neuen Triebwerke will nun ein drittes Unternehmen für seine Rakete nutzen, das sich auch für den European Launcher Challenge qualifiziert hat – Maiaspace aus Paris. Diese Rakete soll den amerikanischen Falcon-9-Raketen von SpaceX direkt Konkurrenz machen: mit einer Raketenstufe, die auf Stützen landet, mehrfach nutzbar ist und aus Ottobrunn kommt.
Mehr als Hundert Raumfahrt-Start-ups im Raum München
Je nach Zählweise soll es 100 bis 200 Raumfahrt Start-ups allein im Raum München geben. Die Produkte der meisten sind nicht so spektakulär wie komplette Raketen, aber für die Raumfahrt genauso wichtig, etwa Satelliten, die in der Kommunikation eingesetzt werden oder Raumkapseln für den Transport von Astronauten und Fracht zu Raumstationen. Und die Raumfahrt kann auch Vorbild sein, in Zeiten geringen Wirtschaftswachstums und sterbender Industrien.
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