"Entsetzt!", "Das macht mir Angst!" und: "Das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können!" Das sind die Reaktionen der beiden führenden Stimmen der Jüdinnen und Juden in Deutschland auf das erdrutschartige Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.
Josef Schuster: "Ich bin persönlich entsetzt"
Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte, er sei "von diesem Wahlergebnis persönlich entsetzt". Es sei in den vergangenen Monaten klar ersichtlich gewesen, welche Ziele die AfD verfolge. "Wer sie heute gewählt hat – trotz oder wegen dieser Ziele – trägt die Verantwortung für dieses Ergebnis."
Schuster fürchtet nach eigener Aussage auch den Schaden, den die AfD auf die Bildungspolitik ausüben würde, wenn sie in Regierungsverantwortung käme. Bildung sei der wichtigste Grundstein für den Erhalt einer offenen Gesellschaft und den Kampf gegen Antisemitismus, sagte Schuster.
Knobloch: "Das macht mir Angst"
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sieht im Wahlsieg der AfD "ein Zeichen, dass die Statik der Demokratie in Deutschland nicht mehr funktioniert". Sie habe sich einen solchen Sieg in ihren "schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können". Die 93-jährige Holocaust-Überlebende, die 1938 die Schrecken der Reichspogromnacht gegen Juden am eigenen Leib erfahren hat, sagte: "An Tagen wie diesem fällt es mir schwer, meine Heimat noch wiederzuerkennen. Und ich sage ganz offen: Das macht mir Angst."
Aber die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland gibt sich auch kämpferisch: "Wir dürfen – und ich will – dieses Land nicht verloren geben", sagte sie und forderte "die vielen echten Patrioten, die für Freiheit in Respekt und Toleranz brennen statt für völkischen Wahn" dazu auf, nach diesem Wahlergebnis "aktiver" zu werden. Die Parteien der demokratischen Mitte dürften "dem Verfall nicht länger zusehen", sie müssten "Treiber sein, nicht länger Getriebene". Allen, die ihre Stimme demokratischen Parteien gegeben haben, gelte an diesem Tag ihr Dank.
Eva Umlauf: "Als Überlebende des Holocaust nie für möglich gehalten"
Von Angst sprach auch die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, Eva Umlauf. In München erklärte die 83 Jahre alte Auschwitz-Überlebende, dass noch einmal in einem deutschen Landesparlament eine rechtsextreme Partei als stärkste Fraktion Platz nehmen wird, "hätten wir als Überlebende des Holocaust nie für möglich gehalten". Umlauf zog Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in den frühen 1930er Jahren in Deutschland. "Dieses Wahlergebnis macht uns Angst."
Knobloch: "AfD-Wähler lehnen Demokratie, Sicherheit und Wohlstand ab"
Knobloch übte auch deutliche Kritik an den Menschen in Sachsen-Anhalt, die der AfD ihre Stimme gegeben haben. Sie hätten "auch die Prinzipien zurückgewiesen, die es uns in der jüdischen Gemeinschaft erst ermöglicht haben, Deutschland wieder als unser Zuhause zu begreifen". Diese Menschen hätten die Grundlage von Demokratie, Sicherheit und Wohlstand abgelehnt.
Außerdem warnte Knobloch: "Ein erschreckend großer Teil der Wähler in Sachsen-Anhalt hat heute klar gezeigt, in was für einem Land sie leben wollen, und dieses Land hat kaum etwas mit der Bundesrepublik gemein."
KZ-Gedenkstätten fordern politische Unterstützung
Angesichts des Wahlsiegs der AfD in Sachsen-Anhalt forderten KZ-Gedenkstätten in Thüringen eine stärkere Absicherung von erinnerungspolitischer Arbeit. Sollte die AfD in Regierungsverantwortung kommen, würde sich die Lage für Gedenkstätten und Einrichtungen der historisch-politischen Bildung grundlegend ändern, teilte die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar mit. Die Stiftung fordert deshalb von Bund und Ländern, die wissenschaftliche und pädagogische Unabhängigkeit sowie die Finanzierung von Erinnerungsorten rechtlich abzusichern.
Auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts befanden sich nach Angaben der Stiftung 42 Außenlager der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora. Die Gedenkstätten mahnten, die AfD habe "die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen diffamiert und einen geschichtspolitischen Umbau angekündigt". Aus "geschichtsrevisionistischen Forderungen" könnte nun staatliche Politik werden.
Bundestag, Bundesregierung und Länder müssten Vorkehrungen treffen, um wissenschaftliche und pädagogische Entscheidungen zu schützen, hieß es.
Mit Informationen von dpa, epd und AFP
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