ARCHIV - 25.09.2025, Niedersachsen, Hannover: Soldaten stehen in der Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne beim feierlichen Appell zur Übergabe des Landeskommandos Niedersachsen von Oberst Waldau an Oberst i.G. Wachter. (zu dpa: «Soest soll Ausbildungsstandort der Bundeswehr werden») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Wie die Bundeswehr gegen Sexismus vorgehen will

Wie die Bundeswehr gegen Sexismus vorgehen will

Fast 2.000 Verdachtsfälle von sexualisiertem Fehlverhalten sind in den vergangenen fünf Jahren bei der Bundeswehr gemeldet worden. Generalinspekteur Carsten Breuer hat nun Konsequenzen angekündigt. Was tut die Bundeswehr, um Betroffene zu schützen?

Über dieses Thema berichtet: ARD-Infosamstag am .

1.965 Verdachtsfälle sexualisierten Fehlverhaltens wurden von 2021 bis 2025 über das Meldewesen der Bundeswehr erfasst. Diese Zahlen gehen aus einer Auswertung des Verteidigungsministeriums hervor, die der ARD vorliegt (externer Link).

Viele Vorfälle ereigneten sich demnach im Umfeld der Bundeswehr, zum Beispiel nach Dienstschluss in den Kasernen, auf Truppenübungsplätzen oder in Gemeinschaftsunterkünften.

Über 800 Meldungen wegen sexueller Belästigung

Die gemeldeten Vorfälle sind im vergangenen Jahr sogar deutlich angestiegen. Auffällig dabei: Der häufigste Vorwurf ist die sexuelle Belästigung – mit über 800 Meldungen.

Generalinspekteur Carsten Breuer, der ranghöchste Soldat der Bundeswehr, bezeichnet diese Entwicklung als "zu hoch" und mahnt in einem sogenannten "Tagesbefehl", einem internen Schreiben der Bundeswehr, zu "null Toleranz".

Generalinspekteur: "Beobachte den Umfang der Meldungen mit großer Sorge"

Zuerst hatte der Spiegel (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt) über den "Tagesbefehl" berichtet. Das interne Schreiben von Breuer liegt mittlerweile auch dem BR vor und darin heißt es: "Respektloses und verletzendes Verhalten hat in unserer Truppe nichts verloren. Das gilt insbesondere für sexualisiertes Fehlverhalten. Deshalb beobachte ich den Umfang der Meldungen zu sexualisiertem Fehlverhalten mit großer Sorge".

Und weiter: "Um es klar zu sagen: Solche Verhaltensweisen haben keinen Platz in den Streitkräften und dürfen weder durch Vorgesetzte noch Untergebene oder Gleichgestellte akzeptiert werden." Sie widersprächen den Werten, die die Bundeswehr hochhalte und passten nicht zum Umgang miteinander, so Breuer.

Bundeswehr: Gibt bereits flächendeckende Anlaufstellen

Dabei gibt es bei der Bundeswehr laut eigenen Angaben bereits flächendeckende Maßnahmen und Anlaufstellen: zum Beispiel ein psychosoziales Netzwerk, bestehend aus Truppenärztinnen und -ärzten, Sozialdiensten sowie eine Militärseelsorge.

Auch ein breites Netzwerk an Vertrauenspersonen sowie Gleichstellungsbeauftragte gebe es und die Bundeswehr ist außerdem Mitglied im Bündnis "Gemeinsam gegen Sexismus".

Bundeswehr gibt Dunkelfeldstudie in Auftrag

Wie kommt es dennoch zu einer so hohen Anzahl an gemeldeten Verdachtsfällen in Bezug auf sexualisiertes Fehlverhalten und eine vermutlich noch höhere Dunkelziffer?

Christiane Noack ist Ärztin bei der Bundeswehr und Sprecherin im Verteidigungsministerium. Sie erklärt im Gespräch mit dem BR, genau das werde jetzt eine Dunkelfeldstudie der Bundeswehr selbst ermitteln. Dabei gehe es darum, die Entwicklungen und Hinweise über Fehlverhalten genau zu beobachten.

Bundeswehr: Vorgesetzte müssen Vorbilder sein

Besonders die junge Generation, die teils direkt nach dem Schulabgang zur Bundeswehr komme, befinde sich noch in einem Sozialisierungsprozess, so die Ärztin. Sie müssten ihre Persönlichkeit und gefestigte Werte noch entwickeln. Hier gelte es deshalb, Unterstützung zu gewährleisten.

Deshalb spielten Vorgesetzte auch eine wichtige Rolle, um gegen sexualisiertes Fehlverhalten konsequent vorzugehen, erklärt Noack weiter. Sie müssten mit gutem Beispiel vorgehen, Haltung zeigen und Haltung vermitteln. Und Fehlverhalten im eigenen Bereich melden, nicht wegschauen: "Wenn es nicht gemeldet wird, dann kann das zur Normalität werden. Diesen Kreislauf akzeptieren wir nicht. Die Regularien dafür sind klar. Wir sanktionieren und klären auch lückenlos jeden Fall auf.“

Nur 13 Prozent Soldatinnen – spielt das eine Rolle?

Aktuell gibt es bei der Bundeswehr rund 13 Prozent Frauen in den Streitkräften. Bei den zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Zahl etwas höher. Frauen sind also in der Bundeswehr weiterhin stark unterrepräsentiert.

Spielt das eine Rolle? Gerade auch im Hinblick auf die hohe Anzahl der gemeldeten Verdachtsfälle im Bereich der sexuellen Belästigung? Christiane Noack will das nicht grundsätzlich ausschließen: "Wir müssen die Ergebnisse der Dunkelfeld-Studie hier unbedingt mit einbeziehen in mögliche Präventivmaßnahmen, um zu schauen, ob das tatsächlich eine Rolle spielt.“

Dennoch betont Noack, auch aus persönlicher Erfahrung, dass Frauen bei der Bundeswehr insgesamt gut integriert seien. "Und uns ist es sehr wichtig, dass sich jeder unabhängig vom Geschlecht wohlfühlen kann in den Streitkräften", so die Ärztin.

Ziel der Studie: Miteinander verbessern, wirksam gegen Sexismus und Übergriffe vorgehen

Bei der oben genannten Dunkelfeldstudie untersucht das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr derzeit das tatsächliche Ausmaß und die Häufigkeit von sexualisiertem Fehlverhalten.

Die Studie analysiert laut Informationen der Bundeswehr auch, warum Betroffene Vorfälle nicht an Vorgesetzte oder entsprechende Anlaufstellen melden. Die Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen und dabei helfen, das Miteinander zu verbessern und wirksam gegen Sexismus oder Übergriffe vorzugehen.

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