Weniger als 200.000 neue Wohnungen könnten in diesem Jahr fertig gestellt werden, schätzt die Baubranche. Gebraucht werden doppelt so viele pro Jahr. Einen Grund für die niedrigen Zahlen sieht die Branche darin, dass es immer teurer wird, zu bauen und es sich deshalb kaum mehr lohnt. Als eine Lösung schlägt sie vor, in Zukunft einfacher zu bauen – und damit auch schneller und günstiger. Manche Bundesländer wie Bayern und Schleswig-Holstein gehen da voran.
Deutschland baut zu teuer
Bauen ist im Moment "zu teuer für jeden Durchschnittsverdiener", sagt Dietmar Walberg vom Bauforschungsinstitut ARGE aus Kiel. Sein Institut hat ausgerechnet, dass der Wohnungsbau im Moment in Großstädten und Metropolregionen mehr als 4.630 Euro pro Quadratmeter kostet – mit den Kosten fürs Grundstück sogar rund 5.400 Euro. Um das finanzieren zu können, bräuchte es am Ende eine Kaltmiete von 18 Euro pro Quadratmeter und mehr. "Was wir da bauen, ist nicht mehr leistbar", sagt Walberg im Interview mit BR24. Dabei ließe sich günstiger bauen.
Studienleiter Walberg verweist auf Schleswig-Holstein. Bei den Wohnungen, die in diesem Bundesland seit 2023 im sozialen Wohnungsbau entstehen, sind die Baukosten deutlich niedriger als der Bundesdurchschnitt. Nämlich unter 3.500 Euro pro Quadratmeter, rechnet Walberg vor. Das ist möglich, weil der Baustandard niedriger ist. Zum Beispiel sind die Geschossdecken und die Außenwände dünner, es gibt weniger Steckdosen und weniger Stellplätze für Autos. Auch Keller oder Tiefgarage fehlen teilweise.
Einfacher bauen, ohne kostspielige Extras
Befürchtungen, dass dadurch der Wohnkomfort deutlich leiden könnte, will Robert Feiger von der Gewerkschaft IG Bau entgegentreten: "Das ist immer noch ein sehr ordentliches Niveau", betont er im Interview mit BR24. "Das ist besser als 90 Prozent der Bestandsbauten." Feiger ist Teil eines Bündnisses aus Wohnungs- und Bauwirtschaft, Gewerkschaft und Mieterschutzbund, das das vereinfachte Bauen vorantreiben will und die Studie bei Walberg in Auftrag gegeben hat.
Derzeit werde oft im Goldstandard gebaut mit vielen Extras und mit allem, was bautechnisch möglich sei, sagt Feiger. Das Bündnis will, dass der Staat ein "Basis-Standard Wohnen" unterstützt. Der gesetzliche Mindeststandard soll eingehalten, aber auf teure Extras verzichtet werden. Der so genannte Gebäudeytp E steht für diesen Ansatz.
Pilotprojekte in Bayern
In Bayern wird dieser Gebäudetyp E gerade in 19 Pilotprojekten ausprobiert. Die Neubauprojekte können von den aktuell üblichen Baunormen abweichen, einfacher bauen oder experimentieren. Wichtige, für die Sicherheit relevante Baunormen bleiben. In einem Neubaugebiet bei Ingolstadt entsteht zum Beispiel ein "Haus ohne Heizung", das so gut gedämmt ist, dass die Abwärme von Elektrogeräten und die Sonne zum Heizen reichen.
Aber nicht alle sind begeistert vom Konzept des einfacheren Bauens. Kritiker befürchten, dass Standards zum Beispiel beim Lärmschutz zu sehr reduziert werden könnten oder es Rückschritte beim Thema Barrierefreiheit geben könnte. Der Bauherren-Schutzbund unterstützt zwar das Ziel, einfacher zu bauen, warnt aber vor Risiken. Abweichungen von technischen Standards dürften nicht zulasten von Qualität und Verbraucherschutz gehen.
Neues Gesetz zum Gebäudetyp E
Auch die Bundesregierung ist dran am Thema Gebäudetyp E. "Wir brauchen keinen Klimbim an jeder Ecke", sagt Bauministerin Verena Hubertz auf dem Wohnungsbautag, zu dem das Bündnis eingeladen hat. Hubertz plant in diesem Jahr gemeinsam mit Justizministerin Stefanie Hubig – beide SPD – ein Gesetz zum Gebäudetyp E auf den Weg zu bringen. Auch der CDU-Bauexperte Jan-Marco Luczak sagt, der Gebäudetyp E könne ein "Gamechanger" werden. Die Pläne dafür wurden bereits im November vorgestellt, bisher gibt es aber keinen Kabinettsbeschluss der Regierung.
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