Daniel Gögelein läuft durch die Flure, umgeben von mehreren Ein-Zimmer-Apartments. 221 Auszubildende wohnen hier, im Azubiwerk im Münchner Stadtteil Neuperlach. Diese Auszubildenden hatten Glück, denn sie zahlen für ihre Wohnung knapp 300 Euro Warmmiete. WG-Zimmer im selben Stadtviertel kosten im Allgemeinen mehr als das Doppelte. "Viele der Azubis könnten sich München sonst schlichtweg nicht leisten", meint Gögelein, der zum Azubiwerk-Team gehört.
So zum Beispiel Magdalena. Sie ist Auszubildende bei der Stadt München im Pflegebereich und Bewohnerin im Azubiwerk seit September 2023. "Ich komme aus Sachsen-Anhalt. Hätte ich hier die günstige Mietwohnung nicht bekommen, hätte ich mir München nicht leisten können."
Wohnen bei den Eltern – aus Alternativmangel
Das Azubiwerk München wurde von einer breiten Stadtratsmehrheit 2021 unterstützt, mit der Begründung, so Auszubildende einfacher für die Landeshauptstadt zu begeistern und Stellen zu besetzen. Und doch: "Wir wissen, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein", konstatiert Betreuer Gögelein, denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Jährlich treten 40.000 junge Menschen eine neue Ausbildungsstelle in der bayerischen Landeshauptstadt an – die bisherigen Azubiwerk-Wohnungen decken demnach gerade einmal ein halbes Prozent ab.
Dabei wünschen sich viele Auszubildende eine eigene Wohnung. Nach dem Ausbildungsreport des DGB von 2020 würden zwei Drittel von ihnen gerne eigenständig wohnen. Dennoch lebten fast 73 Prozent von ihnen bei den Eltern, 22 Prozent hatten eine eigene Wohnung und fünf Prozent lebten in anderen Wohnformen, insbesondere in Wohngemeinschaften. Die Zahlen dürften sich in den letzten Jahren noch verschärft haben.
Junge Menschen benachteiligt
Dem Verbändebündnis Soziales Wohnen zufolge gehören Auszubildende wie auch die gesamte Altersgruppe der 18- bis unter 25-Jährigen "vollständig zu den benachteiligten Gruppen" auf dem Wohnungsmarkt. Dazu zählen zudem Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende sowie Menschen mit ehemaligem oder aktuellem Drogenkonsum sowie Haftentlassene.
Für sie alle gilt: Es gibt zu wenige Wohnungen. Das Verbändebündnis Soziales Wohnen kommt in seiner Studie zum Schluss: "Bundesweit haben sich bis Ende 2024 Wohnungsdefizite in einer Größenordnung von 1,4 Millionen Wohnungen aufgebaut". Tendenz steigend: Um die Wohnungsdefizite bis 2030 abzubauen, müssen rund 410.000 Wohnungen jährlich gebaut werden.
Der Wohnungsbedarf wächst – vor allem in Bayern
Besonders heikel werden laut der Studie des Pestel-Instituts die nächsten Jahre in Bayern: Bereits Ende 2024 hatte sich ein Wohnungsdefizit von 233.000 angesammelt. Gemessen am Bevölkerungsanteil nach Nordrhein-Westfalen die zweitgrößte Lücke im Ländervergleich. Und die nächsten Jahre werden noch prekärer: Da für Bayern insbesondere in den Ballungsräumen ein starkes Bevölkerungswachstum vorausgesagt wird, wächst auch der Wohnungsbedarf: Bis zu 470.000 Wohnungen werden demnach bis 2030 fehlen – das wäre "Spitze" in Deutschland.
Ein Problem für die Wohnungssuchenden – und alle anderen: "Der Wohnungsmangel hat sich zur Wirtschaftsbremse entwickelt" heißt es in der Pestel-Studie. Ohne konsequenteren Wohnungsbau werden keine Zuwanderer für die Arbeitsmärkte gewonnen. Das gilt insbesondere für den sozialen Wohnungsbau. Trotz der deutlichen Aufstockung der Bundesmittel ist der Bestand an Sozialwohnungen stetig zurückgegangen. Bei über 11 Millionen Mieterhaushalten, die einen Wohnberechtigungsschein bekommen könnten, gibt es nur noch gut eine Million Sozialwohnungen.
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