"Dass Tierschutz missbraucht wird, für rechtsextreme Ideologien, haben wir in der Vergangenheit immer wieder erlebt", so Sebastian Bartoschek im Interview für die neue Staffel ARD Wild Crimes. Er ist Psychologe und Experte für Verschwörungstheorien. Rund um die versuchte Rettung des gestrandeten Buckelwals "Timmy" gibt es zahlreiche Verschwörungserzählungen.
Sieben Millionen Euro für ein Walskelett
So wurde behauptet, das Deutsche Meeresmuseum habe sich als Teil eines weltweit agierenden "Kartells" von Wissenschaftlern und Politikern schon früh dazu entschlossen, den Wal absichtlich sterben zu lassen. Unter anderem, um das Skelett für mehrere Millionen Euro zu verkaufen. Diese Vorwürfe fanden sich wiederholt in sozialen Medien und führten zu Morddrohungen gegenüber Mitarbeitern des Museums. Das Meeresmuseum hatte zwar wirklich geplant, den Wal wissenschaftlich zu untersuchen [externer Link], jeglicher Handel mit Walknochen ist nach der EU-Artenschutzverordnung [externer Link] in Deutschland aber streng verboten.
"Die da oben" gegen den Wal
Trotzdem veröffentlichte etwa das rechtsextreme Compact-Magazin ein Video unter dem Titel "Öko-Industrie will Wal schlachten" [externer Link], in dem einige dieser Vorwürfe weitergetragen wurden. Denn Ziel der rechtsextremen Akteure sei es, die Verantwortlichen und deren Entscheidungen zu diskreditieren, sagt Bartoschek. Der Wal sei in dieser Erzählung wie die Bevölkerung ein "Opfer der Regierung".
"Das funktioniert dadurch, dass sie ein Mindset haben, das davon ausgeht, die linksgrüne Wokeness hätte sowieso alle Bereiche dieser Gesellschaft in der Hand. Und dann können sie und müssen sie alles Negative, was passiert, sinnhaft in diese Theorie einbinden", so Bartoschek. Welche politische Einstellung die Entscheidungsträger dabei wirklich hätten, sei egal. So wird aus der Rettung eines Wals ein "Kampf gegen 'die da oben'".
AfD als "Walpartei"
Die einzige Partei, die sich angeblich für den Wal eingesetzt hätte, ist in diesem rechtsextremen Narrativ die AfD. Auch in dem oben erwähnten Compact-Video wird sie als die "Walpartei" bezeichnet. Diese Strategie wurde auch in den sozialen Medien weitergetragen. Dort gab es zahlreiche, teils KI-generierte Inhalte, die etwa Alice Weidel im Zusammenhang mit Buckelwal "Timmy" zeigen. Allerdings sprachen sich AfD-Mitglieder wie der Bundestagsabgeordnete Julian Schmidt explizit dafür aus, den Wal sterben zu lassen [externer Link].
Tierschutz hat im Rechtsextremismus eine lange Tradition
Schon vor der Gründung der AfD nutzten rechtsextreme Akteure Tier-, Natur- oder Umweltschutz als politisches Thema, wie Untersuchungen der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen [externer Link]. Die NPD warb lange mit der Parole "Umweltschutz ist Heimatschutz", die NSDAP führte 1934 das erste Tierschutzgesetz in Deutschland ein. Auch, um Jüdinnen und Juden die traditionelle Schlachtmethode des Schächtens zu verbieten.
Den Tierschutz nutzen die Nationalsozialisten auch für antisemitische Propaganda. So gibt es in dem 1938 erschienenen nationalsozialistischen Kinderbuch "Der Giftpilz" ein ganzes Kapitel mit dem Titel "Wie die Juden Tiere quälen". Dort heißt es in einer Bildunterschrift "Wieder stürzt das Tier zu Boden. Langsam stirbt es. Die Juden aber stehen herum und lachen".
Hinweise auf Verschwörungstheorien in viralen KI-Songs
Das Bild von Menschen, die einem hilflosen Tier beim Sterben zusehen, taucht auch in den KI-Songs auf, die rund um den Wal viral gingen. Ohne den antisemitischen Unterton, aber mit Verweis auf eine Macht "da oben". Etwa in dem viralen Song "Er hat sich das nicht ausgesucht". Dort heißt es: "Ihr steht da und redet, während er leise stirbt", die Rettung des Wals würde behindert durch "Grenzen, die einfach keiner mehr bricht". Auch die Vorwürfe gegenüber dem Deutschen Meeresmuseum werden im Liedtext aufgegriffen.
An der Rettungsinitiative, die den Buckelwal in einer umstrittenen Aktion bis in die Nordsee verfrachtet hat, waren auch Mitglieder mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene beteiligt [externer Link]. Der TikToker Danny Hilse etwa, der sich inzwischen zwar von der AfD distanziert hat, trat im vergangenen Jahr noch als Mitorganisator des Bündnisses "Gemeinsam für Deutschland" auf, dessen Demonstrationen vom Verfassungsschutz beobachtet wurden.
Backhaus: "Es ist nicht gelungen, den Staat vorzuführen"
"Für das Personal, das dort eingesetzt worden ist, waren wir nicht zuständig", sagt Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) in einem Interview für die neue Staffel ARD Wild Crimes. Er hatte die Rettungsaktion der privaten Initiative genehmigt. "Wollte die Initiative den Staat hinterfragen und vorführen, ist ihnen das nicht gelungen", so Backhaus im Interview. Er sieht in der Rettungsaktion zumindest einen Teilerfolg – auch wenn sie, vor allem wegen der umstrittenen Freilassungsaktion, für manche eher ein Akt der Tierquälerei [externer Link] war.
🎧 Mehr über die Ereignisse rund um die versuchte Rettung des Buckelwals "Timmy" hören Sie in den neuen Folgen des Podcasts "ARD Wild Crimes: Timmy, die Hoffnung stirbt zuletzt".
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