BR24: Herr Antweiler, Sie sind Experte für internationalen Handel und Kanada-EU-Beziehungen an der University of British Columbia – bietet eine Allianz von Kanada und der EU eine Chance, um nicht zwischen einer Supermacht USA und einem immer mächtiger werdenden China unterzugehen?
Antweiler: Wir befinden uns in einer neuen Zeit, in der es darum geht, Partner zu finden, auf die man sich verlassen kann. Was Kanada zu bieten hat, ist Verlässlichkeit, genauso wie die EU und auch Deutschland – in dieser Zeit, wo wir nicht wissen, wo es genau hingeht, mit den Strömungen, die aus den USA kommen, aus China, aus anderen Teilen der Welt. Insbesondere, wenn wir einen Nachbarn haben, der davon redet, uns zum 51. Bundesstaat machen zu wollen.
BR24: Was hat Kanada der EU zu bieten?
Antweiler: Wir produzieren sehr viel Mineralien und Metalle. Wir sind ein riesiges Land und haben neue Quellen für kritische Mineralien. Aber jetzt müssen wir hier in Kanada eine Wertschöpfungskette aufbauen. In der Vergangenheit haben wir die Sachen nur aus der Erde gefördert und dann sind sie woanders verarbeitet worden, insbesondere in China.
Im Video: Possoch klärt – Kanada-EU: Unsere Chance gegen USA und China?
BR24: Ist denn Kanada wirklich in der Lage, die Abhängigkeit der Europäer von China, was die kritischen Rohstoffe betrifft, in großem Stil zu ersetzen?
Antweiler: Auf kurze Sicht natürlich nicht, denn eine Handelskette aufzubauen, das braucht Zeit. Derzeit hat China eine Monopolsituation für diese Rohstoffe. Nicht in der Produktion, aber in der Verarbeitung. Es muss also darauf hinauslaufen, dass wir die Rohmaterialien selbst verarbeiten. Das wird Zeit und Geld brauchen. Außerdem haben wir höhere Standards bei Umwelt und Arbeitsschutz. Es ist billiger, diese Produkte aus China einzuführen, aber wer unabhängig sein möchte und sich für Umweltstandards einsetzt, der wird dafür bezahlen müssen. Es gibt nichts umsonst. Hier hofft Kanada sehr stark darauf, dass auch Gelder aus Europa investiert werden.
BR24: Was hat die EU denn Kanada zu bieten?
Antweiler: Sehr viel. Wir haben CETA, das Freihandelsabkommen zwischen Kanada und der EU. Das Problem ist, dass 10 Länder der EU es immer noch nicht ratifiziert haben. Zum Glück ist das Abkommen provisorisch in Kraft und dadurch ist der Handel deutlich gestiegen. Das hat sehr große Vorteile für Europa gebracht, weil wir inzwischen viel mehr europäische Dinge kaufen. Aber auch Europa kauft Dinge von uns, von Öl aus Neufundland bis zu Militärgütern und ‑Software. Und es gibt noch viele Möglichkeiten, diese Handelsbeziehungen zu vertiefen. In der Vergangenheit haben sich viele kanadische Unternehmen nur auf die USA fokussiert. Da gibt es noch viel Potenzial. Zum Beispiel plant Kanada, U‑Boote zu kaufen, die in Kiel hergestellt werden. Umgekehrt kauft Deutschland militärische Kraftwagen von Kanada.
BR24: Könnte Kanada tatsächlich ein Teil des europäischen Binnenhandels werden? Dann müsste es auch die EU-Regeln übernehmen. Eine Mitgliedschaft, wie sagen wir mal die Schweiz, wäre sowas denkbar?
Antweiler: Eine Assoziierung wie zum Beispiel Norwegen oder die Schweiz oder Island, denke ich mal nicht. Wenn es darum geht, Handelsabkommen zu vertiefen, dann Sektor für Sektor. Aber wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, hier in Kanada, dass unsere Wirtschaft zu 70% mit den USA handelt und unsere Wirtschaft so integriert ist, dass wir uns daraus mit Sicherheit nicht vollständig lösen können. Wir können also nicht die Tür zuschlagen zu den USA, um die Tür ganz weit aufzumachen nach Europa. Wir müssen sehen, dass wir beide Türen weit genug aufbekommen und die Tür nach Europa wesentlich weiter als in der Vergangenheit.
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