Es ist nicht überliefert, was der erste Mensch, der aus dem Zug heraus telefonierte, per sogenanntem Zugpostfunk übermittelt hat. Aber es dürfte sich kommunikativ auf jenem Holzklasse-Niveau abgespielt haben, auf dem auch heute noch Fernsprecher im ICE einander Weltbewegendes wissen lassen wie z.B.: "Ich bin jetzt unterwegs!" bzw. "Ich sitze im Zug. Die Verbindung ist sehr schlecht ... Hallo, bist du noch da?"
Die Zugsekretärinnen, Kupplerinnen der anderen Art
Freilich geschah das seinerzeit am 7. Januar 1926 noch nach vorheriger Anmeldung bei einer sogenannten "Zugsekretärin", mithin eines Fräuleins vom Amt, das das Gespräch dann durchstöpselte. Diese Zugsekretärinnen, Kupplerinnen der anderen Art, gab es, man höre und staune, bis zum 23. Mai 1982. Schon seit dem 19. Mai 1980 waren in allen "Trans-Europ-Express"- und Intercity-Zügen standardmäßig Münzfernsprecher zur Selbstwahl installiert. Ältere Lesende, die noch etwas vor Augen haben beim Begriff Telefonzelle, erinnern sich jetzt wehmütig an Zeiten, in denen man fern von allen Funklöchern aus einem abgeschlossenen Raum jemanden anrief, ohne gleich rundum alle anderen daran teilhaben zu lassen.
Schwatzbuden der Neuzeit
Halkyonische Tage, an die man gern zurückdenkt heute, da im Waggon vieles herrscht, nur kaum je Ruhe. Selbstverständlich auch nicht im eigens eingerichteten und 2008 erstmals deutlich ausgewiesenen "Ruhe-Bereich" unserer Schnellzüge, die nur Naive aufgrund der "Psst!"-Piktogramme und "Zone repos"-Schilder für trappistenklosterartige Schweigeabteile halten. Nein, es sind, mit Otto von Bismarck sei's geklagt, Schwatzbuden der Neuzeit, in denen man das Beziehungs-Gegurre der turteltaubenhaften Nachbarin ebenso vernehmen muss wie das bedenkenlos Firmeninterna ausplaudernde und sich dabei aufplusternde Excel-Tabellen-Gewese derer, die den Großraumwagen beständig mit dem Großraumbüro verwechseln. Kürzlich hörte ich einen Quartalszahlen-Quälgeist hinter mir am Smartphone allen Ernstes irgendwem "ein gutes Q1" wünschen und musste schwer an mich halten.
Fernzüge sind wie fahrende Fernsehzimmer
Mittlerweile darf man es für eine glückliche, weil ein kollektives Verstummen begünstigende Fügung halten, dass die digitalen Endgeräte multifunktional sind und nicht allein das Verschicken von Textnachrichten, sondern auch das Streamen von Serien und Filmen sowie das Gamen ermöglichen, sodass Fernzüge immer stärker fahrenden Fernsehzimmern mit vielen verschiedenen bunt flackernden und blinkenden Bildschirmen und Spiele-Monitoren gleichen. Wolfgang Schivelbuschs große kulturhistorische Abhandlung von der "Geschichte der Eisenbahnreise" konnte 1977 von alledem noch nichts ahnen und kann von ihm leider nicht mehr um das Kapitel "Mobiles Telefonieren in Zügen und dessen Folgen" erweitert werden, obwohl das doch dringend geboten wäre.
So bleibt uns heute, am Tag des Jubiläums, da die ganze Tragikomödie ihren Ausgang nahm, nur ein kurzer nostalgischer Blick in die kleine Kabine irgendwo in der Nähe des Bordbistros, die der einst Kondukteur, Kartenkontrolleur oder Schaffner gerufene Zugbegleiter bis heute sein Eigen nennt. Darin befindet sich ganz so wie in der Anfangszeit der Bahnreisenden-Telefonie ein Hörer samt Apparat, in moderner Ausführung. Wer hier telefoniert, kann die Tür hinter sich schließen und unbelauscht von umstehenden und -sitzenden Passagieren wen immer an die Muschel lotsen. So muss man sich heute wohl das Paradies vorstellen.
Auch das gibt es schon länger: Arbeiten unterwegs im Zug 1968.
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