"Sollte es Putin nicht gelingen, die europäische Realitätswahrnehmung zu korrigieren, wonach er zunehmend kein sibirischer Tiger mehr ist, sondern nur noch ein Papiertiger, wird Europa langsam aber sicher den Druck auf Russland erhöhen", so der in London lehrende russische Politologe Wladimir Pastuchow in einer neuen Analyse [externer Link]. Er fragt sich und seine Leser, ob Putin angesichts tiefgreifender Probleme die "Nerven verlieren" oder ob er "untätig" bleiben werde.
Putins Ruf als "harter" Politiker beginne "zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt" zu bröckeln, nämlich ausgerechnet kurz vor den russischen Parlamentswahlen vom 18. bis 20. September: "Er muss also irgendwie Härte zeigen, vorzugsweise vor den Wahlen und nicht danach. Um dies zu erreichen, wäre es ratsam, im August/September einen gezielten Angriff auf jemanden zu starten, damit jeder Wahlkampfstratege weiß, mit wem er es zu tun hat."
"Wenig Anlass zu Optimismus"
Die russischen Ultra-Patrioten fordern seit langem ein deutlich entschlosseneres Vorgehen, wobei unklar bleibt, was darunter zu verstehen ist und ob Russland dafür überhaupt die nötigen Mittel hat.
Vor dem Winter müssten russische Städte "unangreifbar" gemacht werden, schrieb zum Beispiel Blogger Juri Barantschik [externer Link]: "Solange der Feind Zeit und Ressourcen hat, Angriffe zu planen, wird er angreifen. Wir müssen dafür sorgen, dass er nur noch an eines denkt: wie er sich so tief wie möglich eingraben kann, vor Angst zittert und sich nicht mehr blicken lässt."
Womöglich hat Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise solche und ähnliche Wortmeldungen im Sinn, wenn er schreibt [externer Link]: "Es scheint, als seien die Beteiligten eher geneigt, den Kampf fortzusetzen, als Frieden zu schließen. Zahlreiche Prognosen geben jedenfalls wenig Anlass zu Optimismus. Es erscheint wahrscheinlicher, dass der Konflikt auf eine neue Eskalationsstufe der Gewalt zusteuert."
"In naher Zukunft weitreichende politische Entscheidungen"
Auf einem der mit 417.000 Fans größten anonymen russischen Telegram-Kanäle heißt es [externer Link], die "Verschlechterung der öffentlichen Stimmungslage" könne die russische Führung "in naher Zukunft zu weitreichenden politischen Entscheidungen veranlassen". Beleg dafür sei auch eine neue, für den Kreml peinliche Meinungsumfrage des amerikanischen Gallup-Instituts [externer Link], die in Russland mit Hilfe von Vertragspartnern durchgeführt worden war.
"Nach mehr als vier Jahren Krieg ist der anfängliche Optimismus dem Pessimismus gewichen. Der Pessimismus hinsichtlich der Wirtschaft und des Lebensstandards hat einen Höchststand erreicht", ist in der Studie zu lesen: "Je länger der Krieg andauert, desto mehr dürfte die Geduld der Menschen mit dem Konflikt und den damit verbundenen Opfern auf die Probe gestellt werden."
Infotafel
Solche Einschätzungen, die mit konkreten Zahlen unterfüttert seien – 60 Prozent der befragten Russen stellten eine Verschlechterung der Wirtschaftslage fest –, setzten den Kreml unter Handlungsdruck, an der Front, aber auch, was die Propaganda betreffe, so das Fazit der erwähnten russischen Beobachter.
"Ende mit Schrecken"
Publizist Dmitri Sewrjukow bezweifelte allerdings [externer Link], dass Putin nennenswerte militärische Eskalationsmöglichkeiten habe: "Russland kämpft, entgegen der Ansicht mancher nationalistischer Eiferer, derzeit am Rande seiner Möglichkeiten, und eine vereinte europäisch-ukrainische Armee wäre unserer in jeder Hinsicht überlegen. Schrecken ohne Ende oder Ende mit Schrecken. Während sich der Präsident für Ersteres entscheidet, bereitet sich die Gesellschaft zunehmend auf Letzteres vor."
In der "Geheimkanzlei", einem anonymen russischen Telegram-Kanal mit 425.000 Fans, heißt es düster [externer Link]: "Die berüchtigten 'roten Linien' sind wohl eher die Komfortzone der [russischen] Eliten, die sie nicht zu überschreiten bereit sind. In diesem Sinne schadet sich Kiew selbst, wenn es mit seinen Angriffen auf die zivile Infrastruktur das Bild der Stabilität zerstört. Denn je weniger die Eliten so tun können, als sei alles in Ordnung, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Eskalation nötig wird."
Derweil präsentierte der frühere Chef der russischen Weltraumbehörde, Dmitri Rogosin, eine vermeintliche Wunderwaffe [externer Link]: "Wenn wir dem Feind den Zugang zu Starlink blockierten oder diese Satelliten systematisch zerstörten, verlöre er seinen Vorteil beim Drohneneinsatz und der Krieg endet innerhalb von zwei bis drei Wochen mit seiner vollständigen Niederlage."
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