"Am wichtigsten ist es, dass wir einen Schritt zurücktreten vom Abgrund. Nur dann können wir uns fragen, warum wir so weit gekommen sind und wie wir die Welt anders gestalten können", schreibt der russische Milliardär Andrei Melnitschenko in einem aufsehenerregenden Essay für das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" [externer Link]. In dem Text verteidigt der Oligarch ein "souveränes" Russland, weil es auch für den Westen "vorteilhafter" sei als mögliche Alternativen, wie eine "Demütigung" oder eine Zerschlagung, die Russland "unregierbar" machen werde.
Auch eine künftige Abhängigkeit von China sei "zweifelhaft", so Melnitschenko, weil sie die asiatischen Nachbarstaaten beunruhigen werde. Im Übrigen rät der Industrielle davon ab, Russland zu einer "belagerten Festung" auszubauen: "Die ausländischen Akteure stehen nicht vor der Wahl zwischen einem freundlich gesinnten oder einem feindseligen Russland, sondern zwischen einem Russland mit berechenbarem Verhalten oder einem mit ungewissem Kurs. In der sich entwickelnden Welt ist Berechenbarkeit wichtiger als Sympathie."
Nächtliches Treffen mit Putin
Damit fasste Melnitschenko im Wesentlichen Kreml-Propaganda zusammen. Gleichzeitig berichtete er in einem Interview von einem mitternächtlichen Zusammentreffen im Kreml im vergangenen Mai, bei dem ihn Putin gefragt haben soll, ob er sich von irgendjemandem verfolgt fühle. Der Oligarch will bei der Gelegenheit ein patriotisches Versprechen abgegeben haben: "Man kann nicht in dem einen Land sein Geld verdienen und in einem anderen sicher leben, die Zukunft der Familie und den Alltag gestalten." Das zielte darauf ab, dass vielen russischen Superreichen vorgeworfen wird, Vermögen und Verwandte im Ausland zu haben.
"Er beugt vor, was vernünftig ist"
Der Vorgang löste unter russischen Beobachtern Erstaunen aus. "Es ist ein seltener Fall, in dem ein bedeutender russischer Unternehmer eine strategische statt eine taktische Bewertung der aktuellen Entwicklungen vorlegt", so Publizist Oleg Sarow [externer Link].
Kommentator Stanislaw Belkowski spekulierte [externer Link]: "Bedeutet das, dass Herr Melnitschenko beispielsweise Wladimir Putins Nachfolger werden könnte? Wohl kaum. Doch die Nachfolge Alexander Lukaschenkos erscheint für ihn deutlich realistischer. Der Multimilliardär ist gebürtiger Belarusse, genauer gesagt, er stammt aus Gomel."
Blogger Dmitri Petrowski rechnete damit, dass Putins Tage gezählt seien [externer Link]: "Melnitschenko kennt durch seine Informanten die gesamte interne Lage im Kreml – er beugt vor, was im Prinzip vernünftig ist. Wenn sich die Möglichkeit bietet, Kapital zu sichern, warum sollte man sie nicht nutzen? In jedem Fall wird der Westen nach dem Sturz unseres Präsidenten auf die eine oder andere Weise mit den russischen Eliten verhandeln müssen. Warum sollte sich Melnitschenko nicht als kompetenter, besonnener und kompromissbereiter Verhandlungspartner präsentieren?"
Infotafel
"Verhaltenskodex des Kapitalisten der neuen Generation"
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise [externer Link] schrieb: "Der Oligarch definierte im Grunde den Verhaltenskodex des vorbildlichen und patriotischen russischen Kapitalisten der neuen Generation. Mit seinem Beispiel zeigte er den Eliten deutlich, was sie tun müssen, um in Russland 'gut zu leben' und jegliche Belästigungen von Behörden und Polizei zu vermeiden. Es liegt auf der Hand: Neben ideologischer Gefolgschaft und der richtigen Wortwahl muss man auch bereit sein, dem Staat in schwierigen Zeiten beizustehen."
"Systemtreue Personen, die Russlands Rolle mitgestalten"
Der Politologe Ilja Graschtschenkow meinte [externer Link]: "Melnitschenko agiert nicht als Geschäftsmann, der sein Vermögen schützt, sondern als Vertreter jener systemtreuen Personen, die Russlands Rolle in der künftigen globalen Ordnung mitgestalten. Vielleicht sind es genau diese Persönlichkeiten, die gefragt sein werden, wenn die Debatte über den künftigen Frieden von Parolen zur konkreten Ausgestaltung übergeht. Denn früher oder später werden wir uns nicht über Sieg-Definitionen verständigen müssen, sondern auf langfristig nachhaltige Mechanismen. Und diese lassen sich nicht ohne die Anerkennung des fundamentalen Prinzips der Souveränität entwickeln."
Ultra-"Patrioten" bezeichneten Melnitschenko [externer Link] als "verräterischen Pragmatiker", der damit beschäftigt sei, seine Ansprüche in einem zukünftigen Russland abzusichern: "Man sollte diese Entwicklung wohl nicht unterschätzen, auch wenn keineswegs vorbestimmt ist, wie diese Zukunft aussieht."
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