"Rezi-Raten" – das jüngste Video auf dem Tiktok- und Instagram-Kanal "Literally", gefilmt auf der Frankfurter Buchmesse, testet spielerisch die Literaturkenntnisse von Host Miriam Fendt und ihrem Gast, der Journalistin und Moderatorin Isabella Caldart. Von kurzen Buchbewertungen aus Onlineforen ("Hauptfigur nervt und beschwert sich die ganze Zeit", "most overrated classic") sollen die beiden auf die jeweils gemeinten Romane schließen (in diesem Fall: "Der Fänger im Roggen").
Grimme-Direktorin spricht von "Fest für digitale Demokratie"
Ein typisches Video für den Kanal. Und auch wieder nicht. Die drei Hosts – neben Miriam Fendt noch Leyli Sahin und Knut Cordsen – bedienen nämlich sehr unterschiedliche Formate. Literaturdebatten spielen bei "Literally" genauso eine Rolle wie kurze Rezensionen, literaturgeschichtliche Anekdoten oder klassischer Social Media-Content ("Green Flag, Red Flag"). Die Wege sind also verschieden, das Ziel bleibt dasselbe: die nahbare Literaturvermittlung. Und das an den Orten, an denen sich die jungen Leserinnen und Leser vornehmlich über Bücher austauschen: Tiktok und Instagram.
Für die Grimme-Online-Jury ist das offenbar preisverdächtig. Wie das Grimme-Institut am Samstagnachmittag bekanntgab, darf sich das Literaturformat von BR und WDR über eine Nominierung für den diesjährigen Grimme Online Award freuen. Der Kanal zählt damit zu den 28 Angeboten, die es aus fast 600 Einreichungen auf die Shortlist zum Preis geschafft haben.
"Die Nominierten machen sichtbar, wie vielfältig und anspruchsvoll Qualität im Netz gestaltet werden kann", teilte Grimme-Direktorin Ciğdem Uzunoğlu in einem Statement mit. Außerdem leisteten die Angebote einen Beitrag zur "Meinungsvielfalt" und machten das Netz "zu dem Debattenraum, den wir so dringend benötigen". Von einem "Fest für unserer digitale Demokratie" spricht Uzunoğlu auch.
Literaturangebot "Literally" konkurriert mit dem Insta-Kanal "Frauen Geschichte"
Neben "Literally", das ist der Sparte "Kultur und Unterhaltung" antritt, geht noch ein zweites BR-Angebot ins Rennen, allerdings in der Kategorie "Wissen und Bildung". Auch der Instagram-Kanal "Frauen Geschichte" kommt für die Grimme-Jury in die engere Wahl. Seit 2020 stehen dort Geschichten von und über Frauen im Mittelpunkt. Zum Teil erreichen die Videos und Reels dort Millionen-Abrufe.
Dabei setzt das Angebot auf eine große erzählerische Breite. Thematisiert wird zum Beispiel, wie die ersten weiblichen Figuren in die Sesamstraße kamen; an anderer Stelle erklärt der Kanal, wieso man in Christina von Schweden, im 17. Jahrhundert schwedische Königin, eine queere Vorreiterin sehen kann. Und ein BR-Archivvideo aus den 80ern macht deutlich, was es für Frauen damals bedeutete, den "Männerberuf" Pilot zu ergreifen.
Auch Youtuber Marcant unter den Nominierten
Ob sich eines der beiden BR-Angebote am Ende durchsetzt, wird sich im Rahmen der festlichen Verleihung am 1. Dezember in Essen zeigen. Neben den Macherinnen und Machern von "Literally" und "Frauen Geschichte" wird dann voraussichtlich auch der Youtuber Marcant vor Ort sein, der sich ebenfalls auf der Liste der Nominierten findet.
Der 24-jährige Politfluencer, der mit bürgerlichem Namen Marc Keller heißt, zählt spätestens seit diesem Jahr zu den reichweitenstärksten Content Creatoren, die dezidiert mit einer politischen Agenda antreten. Medial machte Marcant vor allem mit seiner "Osttour" von sich reden. Im Vorfeld der Wahlen in Sachen-Anhalt und Schleswig-Holstein reiste er durch die beiden Bundesländer, besuchte Wahlveranstaltungen, versuchte mit Menschen auf Marktplätzen ins Gespräch zu kommen und bezog dabei immer wieder Position gegen die AfD.
Grimme Online Award wird seit 25 Jahren vergeben
Der Grimme Online Award gilt als wichtigster Medienpreis für publizistische Qualität im Internet. Vergeben wird er seit 2001. Unter den bisherigen Preisträgern finden sich Angebote wie "jetzt.de", die junge Website der Süddeutschen, das Satireportal "Der Postillon" oder der Podcast "Das Coronavirus-Update" mit Christian Drosten. Der BR durfte sich zuletzt 2024 über die Auszeichnung freuen. Damals wurde eine Recherche (in Zusammenarbeit mit netzpolitik.org) prämiert, die aufdeckte, wie Datenhändler die Standortdaten von Millionen von Menschen in Deutschland verkaufen.
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