Am 12. März 2026 im Moskauer Kreml
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Wladimir Putin bei einer Besprechung mit dem Gouverneur der Region Orenburg
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Wladimir Putin bei einer Besprechung mit dem Gouverneur der Region Orenburg

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"Das muss aufhören!": Massiver Unmut über Putins Netz-Zensur

"Das muss aufhören!": Massiver Unmut über Putins Netz-Zensur

In seltener Einmütigkeit und deutlich wie nie kritisieren russische Politologen und Militärblogger die drastische Einschränkung der Netz-Kommunikation durch den Kreml: "Durch Verbote und Repressionen zerstört der Kreml die Grundlagen des Staates."

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

Der eigentlich kremlfreundliche Politologe Georgi Bovt scheint außer sich [externer Link]: "Die Netz-Sperren müssen endlich aufhören! Es schadet unserem Land und unserer Bevölkerung und verursacht enorme wirtschaftliche Schäden. Der Feind, gegen den die russische Armee kämpft, hat kein abgeschottetes Internet. Und er hat bisher weder kapituliert, noch plant er es."

Kreml: "Wir benutzen Festnetz-Telefone"

Ähnlich aufgebracht reagieren zahlreiche weitere russische Kommentatoren auf die drastische Einschränkung der Internet-Kommunikation durch den Kreml. Speziell in den Metropolen Moskau und St. Petersburg haben die Behörden den Datenverkehr seit Tagen massiv heruntergefahren. Wie russische Medien berichten, scheint das ein persönliches Anliegen von Präsident Wladimir Putin zu sein [externer Link].

Der hatte am 5. März bei einem Treffen im Kreml mit Soldatinnen wörtlich gesagt [externer Link]: "Die Nutzung solcher Kommunikationsmittel, die wir nicht kontrollieren, stellt eine Gefahr für die Truppe dar, richtig?" Die Antwort gab sich Putin gleich selbst: "Klar." Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte [externer Link], die Regierung selbst sei von Einschränkungen natürlich nicht betroffen: "Wir benutzen Festnetz-Telefone."

Putin-Parteigänger Igor Antropenko, im russischen Parlament zuständig für Industrie und Handel, empfahl seinen Landsleuten derweil Telefonzellen [externer Link], allerdings "mit Interanschluss": "Dann können die Bürger auch bei Stromausfall in Verbindung bleiben."

"Russland ähnelt gescheitertem Staat"

Russische Netz-Kommentatoren reagierten mit ätzender Kritik auf die Minimierung der elektronischen Kommunikationswege. So schrieb Politikberater Igor Dimitriew [externer Link], er sei dafür, in Moskau das Internet ganz abzuschalten, denn viel zu lange habe der Kreml die Stadt als eine Art "nördliches Singapur" hingestellt. Dimitriews Folgerung: "Das wahre Russland ist natürlich ganz anders; die Moskauer wissen es nur nicht. Dann sind sie in ihre Apartments in Dubai abgehauen und haben von dort aus die neue, strenge, aber gerechte Regierung gelobt, und ich bin geblieben."

Politologe Andrei Kalitin nennt die Ängste des Kremls "paranoid" und schrieb grimmig [externer Link]: "Durch Verbote und Repressionen zerstört der Kreml die Grundlagen des Staates, und die russische Gesellschaft nimmt das völlig gelassen hin. Russland ähnelt zunehmend einem gescheiterten Staat. Der russische Regierungsapparat besteht heute primär aus den Sicherheitskräften. Ein Machtwechsel in Russland wird höchstwahrscheinlich durch einen Konflikt zwischen diesen Gruppen, durch einen Elitenkrieg, durch Unruhen erfolgen."

"Moskauer besorgen sich befreundete Programmierer"

Bei einem der zahlreichen anonymen russischen Polit-Kommentatoren war zu lesen [externer Link]: "Mit der Verschärfung der Lage im Land versuchen die Machthaber, die Gesellschaft so weit wie möglich zu destabilisieren und ihr jegliche Fähigkeit zur Koordination zu nehmen. Niemand weiß im Voraus, wie sich dieses Bestreben konkret äußern wird, da Entscheidungen auf Grundlage einer noch nicht eingetretenen Situation getroffen werden. Nur die allgemeine Richtung und das Motiv des Kremls sind klar: um jeden Preis unterdrücken, irritieren, lähmen und spalten, um jegliche Äußerungen zu kontrollieren oder zu verhindern."

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Eher sarkastisch hieß es auf einem weiteren Portal [externer Link]: "Die Moskauer scheinen von den bestehenden Netz-Blockaden so begeistert zu sein, dass sie sich beeilen, zusätzliche Mittel zu deren Umgehung zu beschaffen. Offenbar bereitet sich die Bevölkerung, genau wie während der Pandemie, auf einen langfristigen Kampf gegen die Regierung vor. Damals deckten sie sich mit gefälschten Impfbescheinigungen ein, um ein normales Leben führen zu können, heute besorgen sie sich WLAN-Router mit integriertem VPN und – deutlich zuverlässiger – befreundete Programmierer."

"Sie treiben alles auf die Spitze"

Publizist Wadim Schumilin sprach von einer "Epidemie des Verbotismus" in Russland [externer Link] und meinte: "Wir bewegen uns auf einen Punkt zu, an dem das Leben schlimmer und trostloser sein wird als in den 1990er-Jahren, wo es unmöglich sein wird, sich durch Schimpfen auf die Obrigkeit oder durch Spektakel abzulenken, wo der Staat mehr zu fürchten sein wird als Kriminelle."

Eine groteske "Selbstzerstörungs"-These verbreitete Politologe Konstantin Kalaschew [externer Link]: "Ich bin mir nahezu sicher, dass die anonymen Funktionäre, die sich auf der ultrakonservativen Seite des politischen Spektrums positionieren, das System im Grunde verabscheuen und es nach dem Motto 'Je schlimmer, desto besser' schädigen. Sie treiben alles auf die Spitze, in der Hoffnung, dass das System eines Tages unter der Last dieser Absurdität zusammenbrechen wird."

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