"Wir verlieren rapide die Instrumente, die wir für unsere Propagandaarbeit im Ausland benötigen, insbesondere in unseren Nachbarländern", so Dmitri Peskow auf einer medienpolitischen Tagung an der Moskauer Wirtschaftshochschule [externer Link]. Angesichts "feindseliger" sozialer Netzwerke müsse der Kreml herausfinden, wie er damit künftig umgehen solle, denn vor allem in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion sei das ein massives Problem: "Wie sollen wir also unsere Botschaft übermitteln? Das müssen wir noch klären."
Gleichzeitig stellte Peskow selbstkritisch fest, die russischen privaten Medien befänden sich "leider im Niedergang", die Arbeitsbedingungen der Journalisten seien beklagenswert, ihre Bezahlung unzureichend. Ungewöhnlich offen kam Peskow auch auf die Einschränkung der Meinungsfreiheit zu sprechen: "Selbstzensur in den Medien existiert und sollte existieren, und auch erzwungene Zensur in den Medien sollte existieren. Das ist unerlässlich; wir befinden uns im Kriegszustand."
"Höhlenartige Vergangenheit"
Mit diesen Äußerungen löste Putins Sprecher eine lebhafte Debatte aus. Der kremlkritische Politologe Andrei Kalitin spottete [externer Link]: "Vielleicht liegt das Hauptproblem in den Botschaften, nicht in den Instrumenten. Russland hatte alle Chancen, ein attraktives Land für die Welt zu werden. Doch der Kreml startete die 'Spezialoperation', missachtete Menschenrechte und Meinungsfreiheit, inhaftierte Tausende Andersdenkende, zerschlug die gesamte Opposition und droht dem nahen (und nebenbei auch dem fernen) Ausland mit Krieg."
Noch deutlich kritischer ergänzte Kalitin mit Blick auf russische Ultranationalisten, die ständig "traditionelle Werte" propagieren: "Das Leben ist an seiner Zukunft interessiert, nicht an der höhlenartigen Vergangenheit, zu der der Kreml seine Bevölkerung einlädt. Doch Moskau hat keine Zukunftsvision. Es gibt nur Zensoren und Geheimpolizei, die Fördergelder aus dem Staatshaushalt verschlingen. Sie können nichts aufbauen; sie können nur zerstören und verbieten."
"Krampfhafte, unleserliche Antworten"
Publizist Maxim Scharow sprach von einem "lauten Populismus" Peskows und verwies darauf [externer Link], dass sogar iranische Politiker täglich Elon Musks Kurznachrichtendienst X nutzten: "Nur bei uns gibt es ein aggressives Bedürfnis der Machthaber, sich hinter allem Möglichen zu verbergen, Fassaden zu errichten und dem vollen Programm an Manipulationen auf den 'feindseligen' Diensten Telegram und X mit krampfhaften, unleserlichen Antworten über die Nachrichtenagenturen TASS oder RIA Nowosti entgegenzutreten."
Infotafel
Publizist Sergei Koljasnikow (500.000 Fans) bemerkte [externer Link], nur, wenn der Kreml das "beste Netzwerk der Welt" schaffe, dürfe er sich über die "feindseligen" Alternativen beschweren: "Wenn das nicht existiert und auch nicht zu erwarten ist, dass es jemals kommt, müssen wir mit feindlichen Netzwerken zusammenarbeiten. Oder uns in einen Schrank einschließen – mit den naheliegenden Folgen."
"Es hat keinen Sinn"
Politologe Georgi Bovt fürchtete [externer Link], Peskow habe mit seiner Klage über "feindselige" Netzwerke, zu denen er auch wohl den in Russland beliebten Messenger-Dienst Telegram rechne, vermutlich insgeheim noch härtere Zensurmaßnahmen innerhalb Russlands ins Auge gefasst: "Es hat keinen Sinn, alles, was überhaupt noch funktioniert und die Übermittlung wichtiger Nachrichten ermöglicht, auch an die internationale Öffentlichkeit, sofort abzuschalten." Dadurch würden die russische Wirtschaft und Gesellschaft finanziell erheblich geschädigt.
Propagandist Sergei Mardan (213.000 Fans) warf Peskow vor [externer Link], das Misstrauen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gegenüber Moskau, vor allem in den zentralasiatischen Ländern, sogar noch verstärkt zu haben. Es werde sich unter den gegebenen Umständen als "schwierig erweisen", die Kreml-Propaganda überall dort zu beleben.
"Brennnesselbrot schmeckt genauso gut"
Anatoli Scharij (1,5 Millionen Fans) empfahl dem Kreml sarkastisch folgende Propaganda-Strategie [externer Link]: "Vernichte alle Weizenfelder absichtlich und nachhaltig. Überzeuge die Menschen, dass Weizen gefährlich ist. Fordere ein Weizenverbot. Behaupte, Weizen könne durch Brennnesseln ersetzt werden. Brennnesselbrot schmecke genauso gut!"
Auf dem St. Petersburger Newsportal "Fontanka" finden sich Hunderte von Leserkommentaren. In einem heißt es [externer Link]: "Die Botschaft des Kremls ist simpel: 'Der Boss hat immer Recht. Wir wollen ewig herrschen und alles haben, was wir wollen, und nichts dafür hergeben. Liebet den Zaren und hasst jeden, den er an den Pranger stellt.' Das Problem ist, wie man das dem Volk vermittelt, ohne es in den Wahnsinn zu treiben. Bisher funktioniert das nicht besonders gut."
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