"Je tiefer man in die Materie eindringt, desto deutlicher wird, dass eine mögliche Mobilisierung der Reserven die altbekannte Aktion mit der Beschlagnahmung von Bankeinlagen der Bevölkerung erfordern wird", so der russische Polit-Blogger Maxim Kalaschnikow [externer Link]. Zwar könne Putin zur Finanzierung seines Angriffskrieges auch Gold verkaufen, doch das sei eine letzte Möglichkeit. Und noch mehr Geld zu drucken, werde dem Staatshaushalt auch nicht helfen: "Schwierige Entscheidungen werden unausweichlich sein."
Befeuert werden solche Spekulationen durch einen Bericht der "Washington Post" [externer Link], wonach mehr und mehr russische Sparer in Panik geraten und Milliardenbeträge von ihren Konten abheben. Die Banken bekämen Zahlungsschwierigkeiten, Putin bekomme Probleme, Interessenten für seine "Kriegsanleihen" zu finden. Der Text wird in russischen Blogs ausführlich zitiert.
Allein im vergangenen Juli seien umgerechnet gut sieben Milliarden US-Dollar Bankeinlagen abgehoben worden, der Trend verstärke sich Monat für Monat, was offizielle russische Statistiken bestätigen.
"Nervosität wächst"
Die "Washington Post" zitiert einen Insider, wonach die Russen in diesem Jahr doppelt so viel Bargeld horten könnten wie im ersten Kriegsjahr 2022. Ein Ex-Mitarbeiter des russischen Finanzministeriums wird mit den Worten zitiert: "Drohnen kreisen. Gebäude brennen. Die Nervosität wächst. Und die Menschen erkennen vielleicht langsam, dass sie Bargeld lieber unter dem Kopfkissen aufbewahren sollten und nicht irgendwo auf der Bank, von wo es womöglich nie zurückkommt."
Alexandra Prokopenko, eine ehemalige Beraterin der russischen Zentralbank, spricht von einer "Vertrauenskrise" in der Bevölkerung. Inzwischen versuchten auch russische Großunternehmen, ihr Geld im Ausland in Sicherheit zu bringen, heißt es in dem Artikel: "Alle, die dazu in der Lage sind, versuchen, Geld aus dem Land zu schaffen, aber es wird zunehmend schwieriger."
"Bargeld ist auch eine gute Investition"
In einem der großen anonymen russischen Telegram-Kanäle zur Wirtschaftspolitik heißt es dazu vielsagend [externer Link]: "Das Schlimme an einer echten Krise (falls sie eintritt) ist, dass absolut alle Vermögenswerte an Wert verlieren. Übrig bleibt nur das Bargeld, mit dem man diese Vermögenswerte zurückkaufen kann. Bargeld selbst ist also auch eine gute Investition."
In einem der viel zitierten Polit-Blogs (422.000 Fans) heißt es düster [externer Link], russische Oligarchen hätten Putin gerade mal mit umgerechnet rund vier Milliarden Euro "freiwilligen" Spenden für den Staatshaushalt ausgeholfen: "Innerhalb der russischen Regierung wächst die Erkenntnis, dass strenge staatliche Maßnahmen zur Kontrolle der Finanzressourcen nötig sind."
"Kein Grund zur Panik"
Seit Jahresbeginn hätten die Russen umgerechnet rund 25 Milliarden Euro zusätzliches Bargeld gehortet, argumentiert einer der russischen Wirtschaftsblogger (115.000 Fans) [externer Link]: "Infolgedessen stehen die Kreditinstitute mit halb leeren Kassen da und sind gezwungen, sich ständig bei der Zentralbank um Refinanzierung zu bemühen. Die Aufsichtsbehörde selbst bewahrt derweil Ruhe und behauptet, die Lage sei vor zehn Jahren deutlich schwieriger gewesen und es bestehe kein Grund zur Panik. Für den Durchschnittskunden verheißt dieser historische Optimismus jedoch nichts Gutes."
Infotafel
Neben der Angst vor der Beschlagnahmung von Konten ist für den Run auf Bargeld nach Meinung russischer Experten [externer Link] auch die Flucht in die Schattenwirtschaft ausschlaggebend: Immer mehr Unternehmen entzögen sich durch Bargeld-Transaktionen der Steuerpflicht.
"Untergang nur noch eine Frage der Zeit"
Erst im Frühsommer hatten die russischen Kommunisten Schlagzeilen dementieren müssen [externer Link], wonach sie die Beschlagnahmung von privaten Bankeinlagen für den Krieg gefordert hätten. Finanzminister Anton Siluanow hatte entsprechende Gerüchte als "Fake News" bezeichnet, die Zentralbank so einen drastischen Schritt als "groben Eingriff in das Recht von Privatpersonen und Unternehmen, über ihr Vermögen selbst zu verfügen" kritisiert.
Doch solchen Beruhigungsversuchen stehen tägliche Analysen entgegen [externer Link], in denen über einen "Zusammenbruch" der russischen Wirtschaft spekuliert wird. So schrieb Publizistin Tatjana Rybakowa im Exil-Blatt "Moscow Times": "Die Schwächsten ertrinken. Und die Technokraten des Wirtschaftsblocks, die das Schiff bisher auf Kurs gehalten haben, wissen genau, dass sein Untergang nur noch eine Frage der Zeit ist, egal wie sehr sie sich auch bemühen."
Beschwichtigende Äußerungen aus dem Kreml seien wertlos, heißt es in einer weiteren maßgeblichen Wortmeldung [externer Link]: "Es ist offensichtlich, dass die russische Führung, zumindest die obersten Personen, keinerlei Skrupel kennen. Wenn der 'politische Wille' vorhanden ist, werden sie sich nicht um die Konsequenzen scheren. Daher die Versuche, Bargeld zu horten oder, noch besser, Vermögenswerte ins Ausland zu transferieren und das Land selbst zu verlassen."
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