Könnten glatt von William Shakespeare sein, die teils schauerlichen, teils absurden Nachrichten, die die Welt derzeit in Atem halten. Und manch einer wird dazu wohl seufzen: "Ist dies auch Wahnsinn, so hat es doch Methode." Das berühmte Zitat findet sich natürlich auch in der modernen "Hamlet"-Übersetzung von Heiner Müller, die jetzt Grundlage einer Neuinszenierung an der Theaterakademie August Everding ist.
Dort dreht Hamlet angesichts der Nachrichtenlage tatsächlich total durch. Wer kann es ihm verdenken? Der tschechische Regisseur Ondrej Skrabal und seine Bühnenbildnerin Anna Agafonova stellten ein paar Fernseher auf, in deren Programmen geheuchelt, gelogen und geprahlt wird. Ähnlichkeiten mit lebenden Politikern sind natürlich rein zufällig. In gut 90 Minuten ist alles vorbei. Klar, dass vom gesamten Shakespeare-Text nur Bruchstücke übrig geblieben sind, aber das Regiekonzept überzeugt.
"Hamlet nicht die zentrale Figur"
Da steht mit Hamlet ein junger Mann auf der Bühne, der frisch von der Universität in Wittenberg kommt und eigentlich wissenschaftlich geschult ist, doch die politische Gegenwart in seiner Heimat Dänemark bringt ihn schier um den Verstand. Wobei offen bleibt, ob er den Wahnsinn nur vortäuscht oder tatsächlich verrückt wird. Ein geistiger Schwebezustand, der bekanntlich auch auf den einen oder anderen Machthaber unserer Tage zutreffen könnte, was den Abend bei allen komischen Einlagen so beklemmend macht.
An einer Theaterakademie sollen sich möglichst alle Mitwirkenden gleichermaßen präsentieren können, so dass Regisseur Skrabal seinen Hamlet nicht allzu sehr in den Mittelpunkt stellt: "Wir haben aus Hamlet nicht so eine zentrale Figur gemacht, beziehungsweise, er hat immer noch den größeren Anteil am Text und so weiter, aber wir haben versucht, die Texte auch auf die anderen Figuren zu verteilen, so dass zum Beispiel Ophelia bei uns 'Sein oder Nichtsein' spricht, was, glaube ich, zu ihr viel besser passt."
Das ist zweifellos zutreffend, denn Ophelia geht bekanntlich aus Liebeskummer ins Wasser. Da erscheint es durchaus plausibel, dass sie sich vorher mit Bangen fragt, was wohl im Jenseits auf sie zukommt.
"Totale Freiheit macht manchmal Angst"
Komponist und Schlagzeuger Tom Cohrs begleitet das alles mit so lauten Beats, dass empfindlichen Zuschauern am Eingang Ohrstöpsel angeboten wurden. Der Lärm der Welt kann schon mal schwer erträglich sein, auch dies ein treffendes Gleichnis auf die grelle Aktualität.
Ob die Menschen angesichts der vielen Schrecken überhaupt Alternativen haben, ob sie ihr Leben wirklich selbst gestalten können oder nicht vielmehr dem Schicksal ausgeliefert sind, diese Frage interessiert Regisseur Ondrej Skrabal ganz besonders und ganz persönlich.
"Man kann sich frei entscheiden, was man macht, und diese totale Freiheit macht manchmal Angst", sagt er: "Die Freiheit, die Möglichkeiten – das mag jetzt so klingen wie ein Klischee, dass es hier in München ein bisschen mehr Geld gibt –, aber man muss schon sagen, dass die Möglichkeiten, die die Akademie bietet, die Konkurrenz der anderen Theaterakademien und -schulen weit übertrifft."
Fake-News im Mittelalter
Durchblick ist im Leben gefragt, aber die Folien, die in der Theaterakademie den Blick auf die Bühne verschleiern, machen deutlich, dass es kaum jemals möglich ist, die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse zu erkennen. Manches wirkt schemenhaft, anderes könnte reine Einbildung sein, wer will da schon behaupten, er behalte den Überblick?
Sehr überzeugend, was die sechs Mitwirkenden aus dem Abend machen, darunter Johannes Schöneberger als Hamlet und Nadja Sabersky als Ophelia. Ganz stark auch Katja Gaudard als so eiskalte wie mondäne Königin Gertrud und Nicolai Kaps als leicht erregbarer Laertes. Bei seinen Wutausbrüchen fühlt man sich an den jungen Berserker Klaus Kinski erinnert.
Insgesamt ein kurzer, aber zeitgemäßer Hamlet. Fest steht: Fake-News wird es auch schon im Mittelalter gegeben haben – und Leute, die damit ihr Geld verdienten.
Weitere Termine 22. und 24. Januar 2026 im Akademietheater München.
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