"Es ist jetzt besser, in Nachtclubs auf Alkohol und Telefon zu verzichten, nicht jedoch auf die Ausweispapiere. Und in naher Zukunft ist es besser, sich zwei Telefone zuzulegen. Das eine für Ausflüge in die Öffentlichkeit mit dem [vom Kreml beworbenen] Messenger-Dienst MAX und sonst nichts. Das andere Handy, das potentiell aufrührerisch sein könnte, sollte zu Hause bleiben und mit einem Alarm-Knopf ausgestattet sein, der alle Daten löscht, falls eine Kontrolle stattfindet", so der russische Politologe Georgi Bovt [externer Link], nachdem bei einer Razzia der russischen Sicherheitsbehörden in Krasnodar Nachtclub-Besucher ihre Handys vorzeigen und auf verbotene Inhalte überprüfen lassen mussten.
Insbesondere Telegram-Konten sind dem Kreml dabei ein Dorn im Auge, weil dort ein vergleichsweise freier, unzensierter Meinungsaustausch möglich ist. Bovt fühlt sich beim zunehmenden Zensurdruck durch den Kreml an Ray Bradburys Science-Fiction-Klassiker "Fahrenheit 451" aus dem Jahr 1953 erinnert. Dort gibt es in einem Unterdrückungsstaat eine "Feuerwehr", die Jagd auf alle Bücher macht. Jegliche gedruckte Information ist verboten. "Stell dir diese Geschichte im digitalen Zeitalter vor", forderte der Politologe seine Leser auf.
"Bessere Kontrolle über die Sicherheit"
Kein Wunder, dass sich viele Russen nach Angaben eines der größten Telegram-Nachrichtendienstes [externer Link] inzwischen ein "sauberes" Zweit-Handy zulegen, auf dem sie den von den Behörden empfohlenen Messenger-Dienst MAX installieren.
Unterdessen bewirbt das russische Ministerium für Digitale Entwicklung MAX mit teilweise grotesken Argumenten [externer Link]. So lägen "nationale" Messenger-Dienste "derzeit im Trend". Als Beispiele werden China (WeChat), Japan (LINE) und die Vereinigten Arabischen Emirate (Botim) genannt. Es wird als "Mythos" bezeichnet, dass MAX seine Nutzer ausspioniere: "MAX fragt lediglich nach der Berechtigung für den Zugriff auf Kamera, Kontakte und Mikrofon." Gleichzeitig wird von den Kreml-Behörden behauptet, MAX ermögliche "eine bessere Kontrolle über die Sicherheit und die Entfernung illegaler Inhalte".
Angst vor dem "Großen Schalter"
Nicht nur kremlkritische Telegram-Kanäle behaupten [externer Link], die "Werbung" für die staatlich erwünschte MAX-App werde "immer aggressiver". Gleichwohl stößt sie auf entschiedenen Widerspruch, wie auch der Plan des Digitalministeriums, allen Russen "individuelle Identifikationsnummern" für die Netz-Kommunikation zuzuweisen: "Digitaler Gulag ist zwar ein journalistisches Klischee, beschreibt aber treffend, was mit dem Internet in Russland geschieht", so ein Kommentator.
Politologe Andrei Nikulin schrieb [externer Link], die meisten IT-Leute seien "längst weg" aus Russland: "Die bloße Existenz eines solchen 'großen Schalters', der das russische Internet vom Rest der Welt trennen könnte, bedeutet, dass alle Investitionen und Anstrengungen von den Entscheidungen eines hochrangigen Beamten abhängen, dem die Probleme der Nutzer völlig egal sind. Und der, sobald er diese Macht erlangt hat, sie mit Sicherheit auch nutzen wird."
BR24
Ein weiterer tonangebender Polit-Blogger mit 154.000 Fans erinnerte bereits Anfang Dezember daran [externer Link], dass sich russische Studenten an der Staatlichen Universität in Krasnodar dagegen gewehrt hätten, zwangsweise MAX nutzen zu müssen. Professoren hatten angekündigt, alle Skripte und Prüfungsaufgaben nur noch über MAX zu verschicken, mussten sich dem "digitalen Widerstand" jedoch fügen.
"Unterdrückung abweichender Meinungen"
"Kontrolle ist das oberste Ziel. Staatliche Messenger-Apps ermöglichen technisch einfacher die vollständige Zensur von Schlüsselwörtern, die Verfolgung von Nutzeraktivitäten und die umgehende Entfernung 'unerwünschter' Inhalte", so der anonyme Blogger: "Das gibt den Machthabern ein Werkzeug in die Hand, nicht nur zur Kommunikation, sondern auch zur Kontrolle des Informationsraums und zur Unterdrückung abweichender Meinungen unter dem Vorwand des 'Schutzes der Souveränität' und der 'Bekämpfung von Extremismus'."
Publizist Georgi Jans zitierte [externer Link] eine ironische Bemerkung des russischen Autors Andrei Wosnessenski (1933 - 2010). Der hatte mal geschrieben: "Es ist unerträglich, wenn etwas erzwungen wird, aber das 'freiwillig' zu nennen, ist das Letzte!" Das bezog sich natürlich auf die Gepflogenheit der sowjetischen Propaganda, den Eindruck zu erwecken, alle Anordnungen würden "freiwillig" befolgt. Dazu Jans: "Wenn ein Beamter heute freiwillig zurücktritt, bedeutet das, dass er entweder ins Gefängnis oder an die Front kommt."
Blogger Oleg Sarow (428.000 Fans) gab sich angesichts der verschärften Netzzensur sarkastisch [externer Link]: "Eines Tages werden wir unseren Kindern und Enkeln von unserer Zeit erzählen – es war einmal, da war das Internet frei. Und unsere Enkel werden uns ungläubig ansehen und denken: Der Alte erzählt wieder Märchen."
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