"Wenn die Amerikaner unser Schiff beschlagnahmen und wir uns auf bloße Rhetorik über 'rote Linien' beschränken, wird das Trump davon überzeugen, dass wir nichts anderes als ein sehr großes Venezuela sind und dass Russland nach Belieben manipuliert werden kann, ohne dass wir wirksam reagieren können", ereifert sich der prominente russische Kriegsberichterstatter Alexander "Sascha" Kots [externer Link] über die "Beschlagnahmung" des Öltankers "Marinera" der russischen Schattenflotte durch ein US-Kommando.
- Zum Artikel: USA beschlagnahmen Öltanker unter russischer Flagge
Trump werde "im Ukraine-Konflikt übermütig" und "offensichtlich unmögliche Bedingungen für eine Friedensregelung stellen", falls Putin auf den Vorfall nicht mit einer "entschiedenen Reaktion" antworte, fürchtet Kots. Eine "wütende Rüge" werde nicht reichen. Andere russische Blogger bedauerten, der Westen habe anscheinend "keine Angst mehr" vor russischen U-Booten. Möglicherweise befördere der Tanker auch "nicht deklarierte Fracht" und es kämen noch "äußerst interessante Details ans Licht".
"Durchgeknallte Esten"
In einer ersten Reaktion hatte sich das russische Außenministerium gleichwohl vergleichsweise unverbindlich geäußert [externer Link]. Der Vorfall werde "aufmerksam verfolgt", die USA müssten die "humane und würdevolle Behandlung" der russischen Schiffsbesatzung gewährleisten, deren "Rechte und Interessen strikt respektieren" und dürften "ihre rasche Rückkehr in ihre Heimat nicht behindern".
Politologe Georgi Bovt sprach von einer "völlig zahnlosen Reaktion" und schrieb dazu skeptisch [externer Link]: "Es ist unwahrscheinlich, dass die russische Bevölkerung, die so lange von patriotischer und militärischer Propaganda (einschließlich antiamerikanischer Propaganda) aufgehetzt wurde, mit einer solchen Reaktion der Staatsführung zufrieden sein wird."
Tatsächlich wetterte TV-Propagandist Sergei Mardan [externer Link]: "Von nun an kann sich kein Handelsschiff unter russischer Flagge in internationalen Gewässern mehr sicher fühlen. Sollten morgen durchgeknallte Esten beschließen, eine Fähre von St. Petersburg nach Kaliningrad zu entführen, wäre das nicht im Geringsten überraschend."
"Wie ein böser Traum"
Ultra-Patrioten wie Alexei Schiwow (110.000 Follower) hielten die US-Aktion für einen "Kriegsgrund" [externer Link]: "Dies ist ein beispielloser Akt direkter Aggression gegen Russland." Ins selbe Horn blies Propagandist Juri Barantschik [externer Link]: "Es ist sonnenklar: Wenn wir nicht regelkonform, mit aller Härte und ohne Rücksicht auf Konsequenzen und dieses verdammte 'Völkerrecht' reagieren, werden sich alle europäischen Scharfmacher und 'Schweine', nicht nur die USA, über uns lustig machen."
Peter Jungblut
Der ebenfalls rechtsnationale Kommentator Sudoplatow schimpfte [externer Link] auf die vermeintlich willensschwache russische Führung: "Leider fürchtet ein beträchtlicher Teil unserer politischen und kulturellen Elite nicht die Niederlage, sondern den Sieg. Sie sind ganz offensichtlich entschlossen zu verlieren. Ihr Zukunftsideal: die Rückkehr zum Vorgestern. Die Wiederherstellung des 'alten Zustands'. Und alles, was seit 2022 geschehen ist, soll vergessen sein wie ein böser Traum."
"Jede Fahrt birgt Risiko"
Eher ratlos äußerte sich der nationalistische Ex-Politiker Daniil Besonow, der sich fragte, ob die Kommandoaktion zwischen Washington und Moskau irgendwie abgesprochen sein könnte [externer Link]: "Ich hoffe, dass die positiven Ergebnisse dieses Spiels für Russland klar und offensichtlich sein werden und nicht wie üblich geheim gehaltene Erfolge bleiben, von denen niemand etwas erfährt. Ich hoffe, dass ein schlauer Diplomat im Anzug uns alles erklären kann. Ansonsten sieht unsere Lage wirklich traurig aus."
In einem der mit 153.000 Fans größten kremlkritischen russischen Polit-Blogs hieß es: "Das Weiße Haus verfolgt in zwei Bereichen eine harte Linie: der Kontrolle über venezolanisches Öl und dem systematischen Ausschluss russischen Öls vom Weltmarkt. Das ist kein lokaler Vorfall mehr, sondern ein Beweis für eine neue Politik: Sanktionen werden durchgesetzt und dubiose Machenschaften gestoppt, unabhängig vom Ort. Und dies ist womöglich die schwerwiegendste Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und Russland unter Präsident Donald Trump – nicht in Form von diplomatischen Erklärungen, sondern in Form von Aktionen auf See."
Die Ära der "Grauzonen", der verdeckten Flaggen und der "Hoffnung, unbemerkt irgendwo fernab von Europa durchzuschlüpfen", neige sich dem Ende zu: "Für die russische Öllogistik bedeutet das eines: Jeder Kilometer wird überwacht, jede Fahrt birgt das Risiko von Zwangsmaßnahmen."
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