Am 10. Januar bei einer Überprüfung von Schäden an einer beschossenen Autowerkstatt in Makejewka
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Schadensbegutachtung: Russischer Uniformierter betrachtet Einschüsse
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"Warum leben wir noch?": Kritik an Putin wegen Kriegsdauer

"Warum leben wir noch?": Kritik an Putin wegen Kriegsdauer

Ab dem 11. Januar 2026 dauert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine länger als die Beteiligung der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg. Russische Kriegsblogger suchen nach Ursachen für den ausbleibenden Sieg und geben sich sehr pessimistisch.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"1418 Tage sind nicht nur eine Zahl, es ist ein Spiegel. Und jeder kann seine eigenen Schlüsse daraus ziehen, jeder kann in diesen Spiegel blicken und dort erkennen, ob wir würdige oder beschämte Nachkommen unserer Vorfahren sind", heißt es bei einem der vielen russischen Kriegsblogger [externer Link] zu einem für Präsident Putin höchst peinlichen Jahrestag: Seit dem 11. Januar 2026 wird sein Angriffskrieg auf die Ukraine länger dauern als der "Große Vaterländische Krieg", also die Beteiligung der damaligen Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg.

Blogger Sergej Rudow [externer Link], und nicht nur er, nennt den Stichtag "psychologisch wichtig": "So lange dauerte der Große Vaterländische Krieg, in dem wir von Stalingrad bis Berlin vorrückten. Denn das Land war mobilisiert, denn an der Spitze des Staates stand ein wahrer Führer, der von Anfang an unmissverständlich erklärte: 'Der Feind wird besiegt werden! Der Sieg wird unser sein!' Diese Worte hörten wir weder 2014 noch 2022 von Präsident Putin. Wir hörten nur von einer friedlichen Lösung, von Täuschung und Betrug, von Getreidegeschäften und Verhandlungen mit ukrainischen Faschisten in Minsk und Istanbul."

Rudow bezweifelte, ob der Kreml überhaupt noch ein konkretes Ziel bei seiner "Spezialoperation" habe, abgesehen von einer "Pufferzone" entlang der russischen Grenze: "Aber so gewinnt man keinen Krieg."

"Ständige Selbstgefälligkeit"

Einer der mit 623.000 Fans größten russischen Telegram-Kanäle behauptet [externer Link], etwaige Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem jetzigen Krieg gegen die Ukraine seien zwar unangemessen, würden aber dennoch gezogen. So fragten sich viele Russen, warum ihr Land im Vergleich zu Geheimdienstaktionen der USA und Israels so hilflos erscheine: "Vor diesem Hintergrund suchen viele verzweifelt nach einer Rechtfertigung für das Geschehen und gelangen zum einfachsten Schluss: Es ist alles ein abgekartetes Spiel. Gäbe es nur einen Befehl zum Sieg, dann hätten wir sofort gewonnen, aber ohne Befehl geht es nicht."

Tatsächlich lägen die Ursachen für die russischen Misserfolge aber wohl eher "in der Planung, im Management und in den Fähigkeiten der Offiziere und der Mannschaften", so das Fazit: "Diese ständige Selbstgefälligkeit und die Suche nach den Gründen für feindliche Siege an den falschen Stellen führen tatsächlich zu einem nahezu vollständigen Mangel an Analyse und Systematisierung der eigenen Erfahrungen. Es ist viel einfacher zu glauben, dass die dummen Amerikaner schon immer einfach alle gekauft haben, als anzunehmen, dass unser Niveau in Planung, Aufklärung und Koordination immer noch weit hinterherhinkt und dass etwas dagegen unternommen werden muss."

"Warum geht es weiter?"

Politologe Jegor Kolmogorow kritisierte dagegen [externer Link] die "ganze Magie um die Zahl 1418". Sie sei das "Ergebnis der Vergiftung durch sowjetische und zeitgenössische neokommunistische und offizielle Propaganda", wo behauptet werde, die Sowjetunion habe NS-Deutschland im Alleingang besiegt, obwohl es in Wahrheit durch die Unterstützung der Alliierten ein "Koalitionskrieg" gewesen sei.

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Das bittere Fazit von Kolmogorow: "Jetzt hingegen kämpfen wir gegen diese Koalition, verstärkt durch die Achsenmächte und damalige Verlierer wie Frankreich. Militärisch werden wir nur von Nordkorea unterstützt. Alle anderen Verbündeten sind rein wirtschaftlicher und diplomatischer Natur. Vergleicht man dies mit dem realen Großen Vaterländischen Krieg und nicht mit dem von sowjetischen Propagandisten erfundenen, stellt sich nur eine Frage: Warum leben wir überhaupt noch, und warum geht es weiter?"

"Jeder an der Front will Ende des Krieges"

Selbst Propagandist Oleg Sarow (430.000 Abonnenten) schrieb dazu [externer Link], Kolmogorow werde deswegen zu Unrecht wegen seines mangelnden Patriotismus angegriffen: "Dabei steckt in seinen Worten durchaus etwas Wahres."

Ein anonymer Kriegsblogger ergänzte [externer Link], es mache die russischen Soldaten inzwischen "wahnsinnig", dass sie anders als die Zivilisten keinerlei private Pläne verwirklichen könnten: "Hier an der Front wünscht sich jeder das Ende des Krieges. Mittlerweile will das wirklich jeder. Sogar die Offiziere und Militärkommandanten. Selbst die fähigen."

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