Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vor dem Staatstheater Darmstadt
Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vor dem Staatstheater Darmstadt
Bild
Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vor dem Staatstheater Darmstadt
Bildrechte: picture alliance/dpa | Helmut Fricke
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance/dpa | Helmut Fricke
Audiobeitrag

Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar vor dem Staatstheater Darmstadt

Audiobeitrag
> Kultur >

Emine Sevgi Özdamar: "Deutsche Wörter haben für mich Körper"

Emine Sevgi Özdamar: "Deutsche Wörter haben für mich Körper"

Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar ist die erste Büchner-Preisträgerin überhaupt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Am Abend bekommt sie nun den Brecht-Preis der Stadt Augsburg. Eine Auszeichnung, die ihr ganz besonders gefallen dürfte.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Die Schriftstellerin und Dramatikerin Emine Sevgi Özdamar bekommt am Dienstagabend den Brecht-Preis der Stadt Augsburg. Die 1946 geborene Özdamar ist eine vielfach preisgekrönte Stimme der deutschsprachigen Literatur – aber dieser Preis dürfte ihr noch mal etwas Besonderes bedeuten, denn Brecht war für sie ihr ganzes Leben lang eine Art Fixstern. Und einer der Gründe, aus der Türkei nach Deutschland zu kommen.

Die Wörter sind krank von der Diktatur

Und hier war es Berlin, das zum Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens wurde – wie ja für Brecht auch. Er stand schon am Anfang ihres Künstlerinnenlebens. Schauspielschule in Istanbul, Emine Sevgi Özdamar spielt in Brechts Stück "Mann ist Mann". Dann kommt der Militärputsch in der Türkei, 1971. "Brecht hat ja auch vor uns eine körperliche Erfahrung mit dem deutschen Faschismus gehabt", das habe sie gestärkt, erzählte sie im Interview mit dem BR. In seinen Gedichten habe er sich mit Worten gewehrt: "Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag." Diese Sätze, die er in seiner Zeit geschrieben habe, hätten ihr in der Türkei Mut gemacht.

Die Wörter seien "krank gewesen von der Diktatur", das ist ein Bild, das sie oft benutzt, sie habe sich auf die Suche nach einem Sanatorium gemacht. Also geht sie zum Brecht-Schüler Benno Besson nach Ostberlin, spricht anfangs zwar kaum deutsch, aber darf doch als Hospitantin am Berliner Ensemble bleiben. Die Theaterpraxis dort beeindruckt sie. In ihrer Ausbildung sei alles um die Brecht'sche Verfremdungstechnik gekreist. Ganz anders in Berlin, wo sie ja an dem Theater ist, an dem der Dramatiker lange selbst gewirkt hat. "Das Beste, was ich gelernt habe, ist, dass wir nicht über Brecht reden müssen."

Nicht über Brecht reden – Brecht leben also. Die Zeit, die dann folgt, ist eine Theaterzeit mit großen Namen, an großen Bühnen von Berlin bis Paris. Dabei hat eine türkische Schauspielerin damals eigentlich keine Chance auf eine Ophelia.

Brecht gehört bis heute zu ihren Hausheiligen

"Du kannst in Deutschland am Theater nur als Putzfrau Karriere machen", so raunt der "Chor der Krähen" in ihrem monumentalen Lebensbuch "Ein von Schatten umgrenzter Raum" von 2021. Aber das stimmt nicht. Özdamar führt Regie – Brecht – und spielt unter Langhoff, Kroetz, Schleef und Berghaus, schreibt fürs Theater, schreibt aber mehr und mehr auch Prosa. Eine Istanbul-Berlin-Trilogie zum Beispiel. Ihr prallvolles Leben zwischen den Ländern, Kulturen, Sprachen bietet jede Menge Stoff dafür.

Anfangs wird sie noch beschrieben als "ausländische Schriftstellerin, die auf Deutsch schreibt". Aber die Sichtweise wandelt sich. Viele Leser und Leserinnen teilen die Erfahrungen von Exil, Mehrsprachigkeit, Migration.

2022 erhält Emine Sevgi Özdamar die wichtigste Auszeichnung, die in Deutschland für Literatur vergeben wird: sie bekommt den Büchner-Preis und ist damit die erste Preisträgerin überhaupt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Dass die Stadt Augsburg ihr nun den Brecht-Preis verleiht, damit schließt sich ein Kreis. Ein biographischer und einer zwischen den Kulturen und Ländern.

Denn Brecht gehört bis heute zu ihren Hausheiligen, mit seinem Anspruch, durch Theater die Gesellschaft zu verändern, mit seiner Sprache. Wer Texte von Emine Sevgi Özdamar liest oder sie erzählen hört, der spürt, wie ansteckend ihre Freude an den Wörtern, am Klang, an überraschenden Bildern ist. "Deutsche Wörter oder französische Wörter haben für mich Körper", sagt sie. "Da sind doch Wörter und Rhythmen und Stimmen, sich zu verlieben!"

Transparenzhinweis: Wir haben den Text am 11.02. um einige Aspekte ergänzt

Buchgefühl - Lesung und Gespräch. Im Literatur-Podcast des BR ziehen Judith Heitkamp, Niels Beintker und Marie Schoess jede Woche ins Buch. Im Gespräch mit spannenden Autoren und Autorinnen und mit tollen Lese-Stimmen.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!