Kann es ein "Zuviel" an MeToo-Filmen geben? Nein. Natürlich nicht. Auch wenn allein diesen Herbst Filme wie das kontrovers diskutierte Drama "After The Hunt" von Luca Guadagnino oder das preisgekrönte deutsche Spielfilmdebüt "Karla" ins Kino gekommen sind – das Kapitel sexuelle Übergriffe und deren Verarbeitung ist keins, das je zu Ende erzählt ist. Das Tabu, darüber zu sprechen, mag überwunden sein. Das mangelnde Mitgefühl in weiten Teilen der Gesellschaft bleibt.
Spielfilmdebüt
Von solchen Erfahrungen handelt "Sorry, Baby", das Spielfilmdebüt der französisch-amerikanischen Filmemacherin Eva Victor. Die Tragikomödie basiert auf eigenen Erfahrungen der 31-Jährigen. Sie hat Regie geführt, das Drehbuch geschrieben und obendrein die Hauptrolle übernommen – authentischer geht es also kaum.
Was umso wichtiger ist, da "Sorry, Baby" einen selten beleuchteten Aspekt sexuellen Missbrauchs beleuchtet: den diffusen Schwebezustand der Betroffenen, die das Erlebte für immer mit sich herumtragen, aber früher oder später weitermachen müssen wie zuvor, oft in der gleichen Stadt, vielleicht sogar unangenehm nah am Ort des Geschehens. So wie die Filmfigur Agnes.
Das Leben nach einem Übergriff
Pragmatisch wirkt diese junge Literaturprofessorin, die als Studentin vergewaltigt wurde – von dem Professor, dessen Stelle sie mittlerweile übernommen hat. Wer jetzt denkt, sie hätte von der Tat profitiert, hat sich auf frischer Tat selbst ertappt beim Fällen von Vorurteilen.
Zweifel, Unverständnis und Beschuldigungen, seien sie unausgesprochen, vage oder direkt formuliert, gehören seit dem Vorfall zu ihrem Leben. Sie kommen am Tag nach der Tat oder Jahre später, vom behandelnden Arzt, von Bekannten oder den Vertrauensbeauftragten am Uni-Campus. Letztere gaukeln mehr schlecht als recht Mitgefühl vor, wollen den für sie vor allem auf bürokratischer Ebene unangenehmen Vorfall aber nur möglichst schnell abwickeln.
Viel mehr als ein ungläubiges "Was?!" kann Agnes oft nicht entgegnen. Vor dem Vorfall war sie schlagfertig und gewitzt. Jetzt ist sie in sich gekehrt, hält alles und jeden auf Distanz, ausgenommen ihre beste Freundin. Sie ist die einzige aus ihrem privaten Umfeld, der Agnes das traumatische Erlebnis schildert: unangenehm detailliert, geradezu roboterhaft sachlich, in emotionsloser Schockstarre, mit leerem Blick.
Die Kamera bleibt während ihres Monologs immer auf Distanz, so wie auch bei der Tat selbst, die nie zu sehen ist. Stattdessen wird mit einer statischen Einstellung, die minutenlang auf der Außenfassade des Gebäudes verharrt, in dem es passiert, subtiles Unbehagen und ein Gefühl des Ausgeliefertseins ausgelöst.
Perspektivenwechsel auf die Betroffenen
So deprimierend das alles klingt, so überraschend ist, wie viel Tragikomik in "Sorry, Baby" steckt. Ihre gestörte Fähigkeit zu sozialer Interaktion macht die groß gewachsene Agnes zu einer Art Körperclown – ungelenk in ihren Bewegungen und auf oft amüsante Art dauerüberfordert, vor allem in Situationen, die Zwischenmenschlichkeit erfordern und bei ihr Fluchtgedanken aktivieren.
Der Handlungsaufbau in Kapiteln, die nicht chronologisch sind, sondern über einen Zeitraum von mehreren Jahren die Hauptfigur und ihre Persönlichkeit in den Vordergrund rücken, unterstützt Eva Victors Anliegen. Mit ihrem Film will sie deutlich machen, wie schwer es vielen Betroffenen fällt, wieder körperliche Nähe zuzulassen und Vertrauen aufzubauen, sei es zu Fremden oder nur zu einem Tier.
Sie konzentriert sich nicht auf die Tat, sondern auf das, was das Erlebte mit den Personen macht, wie sie versuchen, zu ihrem früheren, unbeschwerten Ich zurückzufinden. Selten hat es in letzter Zeit einen Film gegeben, der ein schwerwiegendes Trauma so sensibel und ehrlich dargestellt hat wie "Sorry, Baby".
Dieser Artikel ist erstmals am 27. Dezember auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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