Schwarz-weiß-Foto von Männer, Frauen und Kindern, die auf die offene Ladefläche eines Transporters klettern
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Deportation von Münchner Jüdinnen und Juden im November 1941. In der Mitte die kleine Judis, links ihre Mutter Gertrud Cahn. Verifiziertes Foto
Bildrechte: Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NS-00017
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Deportation von Münchner Jüdinnen und Juden im November 1941. In der Mitte die kleine Judis, links ihre Mutter Gertrud Cahn. Verifiziertes Foto

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Gefahr durch KI: Wenn Holocaust-Bilder gefälscht werden

Gefahr durch KI: Wenn Holocaust-Bilder gefälscht werden

Der Bildatlas "#LastSeen" macht Fotos von Deportationen ins Konzentrationslager öffentlich: online und in einer Wanderausstellung, die gerade in München im BR-Funkhaus zu sehen ist. Zugleich fluten KI-Fakes vermeintlicher Holocaust-Bilder das Netz.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Auf den ersten Blick wirken die Fotos harmlos: Menschen mit Koffern, mit Gepäck, auf der Straße, am Bahnhof, in Schwarz-Weiß. Wer länger und genauer hinschaut, erkennt aber schnell Details, an denen klar wird: Das ist ganz und gar nicht harmlos. Einige der Menschen tragen einen Judenstern am Mantel, daneben überwachen Männer in Uniform und mit Waffe in der Hand das Geschehen. Diese Fotos, entstanden zwischen 1938 und 1945, zeigen Deportationen in Konzentrationslager.

Der Bildatlas "#LastSeen" macht diese Fotos öffentlich zugänglich, online und in einer Wanderausstellung. Die Fotos sind wichtig, um die deutsche Vergangenheit weiter aufzuarbeiten, sagt Projektleiterin Aline Bothe: "Wenn wir über den Holocaust nachdenken, dann fallen uns die Lager im deutsch besetzten Ostmitteleuropa ein. Das ist gefühlt weit weg, aber tatsächlich beginnt es mitten in Deutschland, mitten in den deutschen Städten. Und diese Fotos zeigen das, sie zeigen den Beginn dessen, was dann in den Ghettos und Lagern in Ost- und Ostmitteleuropa in die Vernichtung, in die Shoah führte."

Der Holocaust beginnt mitten in Deutschland

In den vier Jahren seit Beginn des Projekts sind mehr als 600 Fotos zusammengekommen, aus Archiven und Online-Datenbanken, aber auch aus Privatbesitz. Wichtig ist den Forscherinnen und Forschern der Kontext der Bilder: Können Menschen, Orte oder Gegenstände auf den Fotos identifiziert werden? Derzeit sind rund 300 Biografien vor allem von verfolgten Menschen auf den Fotos bekannt.

Parallel tauchen im Netz derzeit immer mehr Bilder auf, die von künstlicher Intelligenz erstellt wurden und angeblich Szenen rund um den Holocaust zeigen. Solche Fälschungen sind gefährlich, meint Historikerin Alina Bothe: "Wir müssen fürchten, dass die Quellen des Holocaust verzerrt werden, dass wir selbst auch nicht mehr sehen können, ob es sich um ein Original oder eine Fälschung handelt. Und das wird dazu führen, dass Menschen aufhören, den Quellen zu vertrauen. Und wenn wir kein Vertrauen mehr in die Quellen haben können, dann fängt man an, zu zweifeln: War das denn wirklich so?"

Weimer fordert Vorgehen gegen KI-Fakes

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer forderte erst vor wenigen Tagen ein energisches Vorgehen der EU gegen die Verbreitung KI-generierter Holocaust-Bilder und -Filme. Das Leid der ⁠Opfer dürfe nicht verfälscht und verzerrt werden, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Die Verbreitung manipulierter Bilder führe dazu, dass "Geschichte umgeschrieben und letztlich relativiert" werde. Auch KZ-Gedenkstätten und andere Einrichtungen warnten in einem offenen Brief [externer Link] davor, dass "sogenannte Content-Farmen die emotionale Wucht des Holocaust nutzen, um mit minimalem Aufwand maximale Reichweite zu erzielen" und, "um historische Fakten zu verwässern, Opfer- und Täterrollen zu verschieben oder revisionistische Narrative zu verbreiten".

Die Fotos des Projekts "#LastSeen" sind alle geprüft. Besonders viele stammen aus München und Nürnberg. "Es gab in Nürnberg einen Gestapo-Chef, dem es sehr wichtig war, dass die Deportationen fotografiert und zum Teil auch gefilmt worden sind", erklärt Alina Bothe.

Bildrechte: Sammlung Inge Berger
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Deportation aus Bremen, 17.11.1941: vermutlich auf dem Schulhof der Sammelstelle Am Barkhof. Wohl aus Verfolgtenperspektive aufgenommen.

Mehr als 200.000 Menschen wurden zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich deportiert – auch am helllichten Tag und auf öffentlichen Plätzen. Jeder konnte das sehen. Das vielzitierte "Wir haben davon nichts gewusst" nach dem Krieg ist schwer nachzuvollziehen.

"Es ist ja nicht so, als ob plötzlich fremde Aliens gekommen wären und 200.000 Menschen verschleppt hätten", sagt Alina Bothe. "Die Täterinnen und Täter, die Verfolgten, aber auch die Zuschauer kannten sich untereinander. Das waren die eigenen Nachbarinnen und Nachbarn."

Täter, Opfer, Zuschauer: Alle kannten sich

Alina Bothe und ihrem Team ist es gelungen, einige der Verfolgten und auch einige wenige Täterinnen und Täter zu identifizieren, aber keine Zuschauerinnen und Zuschauer. "Bisher hat sich niemand bei uns gemeldet und gesagt, das ist mein Opa dort am Straßenrand."

Die Wanderausstellung "Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938-1945." ist von 20.1. bis 11.2. werktags von 7 bis 19 Uhr im Foyer des Bayerischen Rundfunks (Arnulfstr. 42) zu sehen, sowie online unter atlas.lastseen.org. Organisiert wird sie vom Projekt "#LastSeen. Bilder der NS Deportationen" in Zusammenarbeit mit der Abteilung Public History des Kulturreferats München. Gefördert wird sie von der Alfred Landecker Foundation.

Im Audiobeitrag hören Sie Bayern 2-Moderator Rolf Büllman im Gespräch mit der Historikerin Alina Bothe.

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