"Die Aussiedlung" von András Visky
"Die Aussiedlung" von András Visky
Bild
"Die Aussiedlung" von András Visky
Bildrechte: Suhrkamp Verlag
Schlagwörter
Bildrechte: Suhrkamp Verlag
Audiobeitrag

"Die Aussiedlung" von András Visky

Audiobeitrag
> Kultur >

Kindheit im Lager: András Viskys Roman "Die Aussiedlung"

Kindheit im Lager: András Viskys Roman "Die Aussiedlung"

Ein großes Zeitdokument: Der ungarische, in Rumänien lebende Schriftsteller András Visky erinnert an ein in Europa kaum bekanntes historisches Kapitel. In den 1950er-Jahren wurden zehntausende Menschen in Arbeitslager an der Donau deportiert.

Über dieses Thema berichtet: Kulturleben am .

Es ist die eigene Geschichte, die András Visky – Jahrgang 1957 und heute zu Hause in Cluj-Napoca – in seinem Roman "Die Aussiedlung" erzählt. Ende der 50er-Jahre wurde sein Vater, ein evangelisch-reformierter Pfarrer, zum Feind des kommunistischen Staates erklärt und zu insgesamt 22 Jahren Haft verurteilt. András Visky, seine sechs älteren Geschwister und die Mutter wurden derweil in ein Arbeitslager im Südosten Rumäniens, in der Bărăagan-Steppe, deportiert. Wie zehntausende andere Menschen lebten sie dort, mit dem Vermerk "DO" (für deportiert) versehen, unter schrecklichsten Bedingungen.

Der Blick der Mutter, einer so starken Frau

Die Gefangenen mussten zum Teil in Erdlöchern hausen, Krankheit und Tod waren allgegenwärtig. Der Begriff "Aussiedlung" ist eher eine nüchterne Umschreibung für dieses Unrecht. Er sei wohl schon als Kind im Lager erwachsen geworden, sagt der Schriftsteller und Theatermacher im Gespräch über seinen Roman. "Da ich keine Erinnerungen aus der Zeit davor habe, betrachte ich die Welt aus der Perspektive des Lagers. Ich habe keine andere. Und ich betrachte die Welt mit dem Blick einer Frau. Es ist der Blick meiner Mutter."

Und die Mutter – Júlia, aus Budapest stammend – steht im Zentrum der dichten literarischen Rekonstruktion einer in Europa wenig bekannten Geschichte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie muss eine sehr besondere, eine starke Frau gewesen sein. Entschieden begegnete sie etwa den Vertretern der Diktatur, als der Vater vom rumänischen Geheimdienst zum Verhör vorgeladen und dabei schwer misshandelt wurde. Auch im Lager versuchte die Mutter immer wieder, ihren Kindern Nähe und Geborgenheit zu geben, soweit es irgend ging. Sie nannte die sieben Mädchen und Jungen etwa zärtlich "meine Sperlinge".

Ein beständiger Dialog mit der Bibel

Die Mutter war ein tief gläubiger Mensch, erzählt András Visky. Und überhaupt: Der christliche Glaube beider Eltern – und mit ihm die vielen Geschichten der Bibel – sind Schlüsselthemen im Roman. Zahlreiche Bibelstellen wurden in den Text eingewoben: Geschichten, die die quälende Wirklichkeit spiegeln und gleichzeitig auffangen konnten. Ebenso ist er erzählt in kurzen, fortlaufend nummerierten, fragmenthaften Absätzen (insgesamt sind es 822). Visky spricht auch von einer S-Bahn-Literatur: eine Prosa, die kurz daherkommt und zugleich eine große Tiefe eröffnet. Man könnte ebenso an einen Katechismus denken, es geht stets um Existentielles.

Die Mutter hatte durch Zufall zu Beginn der Aussiedlung eine Bibel in ihrer Handtasche, berichtet der Schriftsteller und Dramatiker. Es war das einzige Buch, das die Familie in insgesamt vier Jahren Lagerhaft besaß. "Jeden Tag hat sie uns daraus vorgelesen und uns dadurch in eine große Geschichte eingebettet. Daher wusste ich immer, dass wir, genauso wie das Volk Israel in Ägypten, in Gefangenschaft lebten. Aber: das große Wasser – bei uns die Donau – würde sich spalten und wir würden trockenen Fußes hinübergehen und unsere eigene Freiheit erlangen."

Freiheit als Lebensthema

Und die Freiheit – im konkreten und im existentiellen Sinn – steht im Zentrum dieses Romans einer Familie in der Haft, eindrucksvoll ins Deutsche übersetzt von Timea Tankó. András Visky weiß um den Wert der Freiheit, durch die Erfahrungen der frühen Kindheit, ebenso aber auch nach der Rückkehr aus dem Lager. Bis zum Ende der Diktatur führte er, wie er sagt, eine Underground-Existenz. "Ich wusste früh, dass ich im Kommunismus keine Karriere machen würde." Und er lernte von seinen Eltern, dass es viel leichter ist, mit dem Regime Kompromisse einzugehen.

Der Roman "Die Aussiedlung", entstanden in 17 Jahren, ist damit auch ein großes Zeugnis innerer Unabhängigkeit und Stärke, des Überlebens. Und eben eine beeindruckende literarische Auseinandersetzung mit der Freiheit des Menschen. Auch in einer freien Gesellschaft müsse man diese stets neu definieren, für sich selbst erringen und verinnerlichen. "Das ist für mich das Wichtigste, was ich aus dem Lager mitgebracht habe: Die Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Wir erfinden immer wieder neue Formen der Gefangenschaft."

András Viskys Roman "Die Aussiedlung" ist – in der Übersetzung von Timea Tankó – bei Suhrkamp erschienen.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!