In den Tagen der Corona-Pandemie erfreute sich Giovanni Boccaccios "Decameron" neuer Aufmerksamkeit. Das hatte mit dem historischen Rahmen dieses bedeutenden Textes der europäischen Literaturgeschichte zu tun: Während der verheerenden Pest in Florenz flüchten sieben Damen und drei Herren auf das Land. Dort erzählen sie einander Geschichten, reihum, zehn Tage lang. Sie trotzen der todbringenden Krankheit mit der Kraft der Fantasie.
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Der begehrte Falke und die tragische Pointe
Luis Ruby aus München hat die im späten 14. Jahrhundert entstandene Novellen-Sammlung neu ins Deutsche übertragen: eine Mammut-Aufgabe. Das "Decameron" begleitet den Übersetzer seit Schultagen. Im Deutsch-Lesebuch entdeckte er die "Falken-Novelle". Sie handelt von einem Edelmann, der sich in eine verheiratete Dame verliebt hat. "Er verausgabt sich im Versuch, ihr zu gefallen", erzählt Ruby. "Er verarmt immer mehr und zieht schließlich auf das Land, auf das letzte Gut, das ihm bleibt."
Monna Giovanna, die verehrte und gleichzeitig abweisende Frau, inzwischen Witwe, besucht ihn eines Tages. Warum, verschweigt sie ihm. Ihr kranker Sohn hat einen Herzenswunsch: Er will den Jagdfalken ihres verarmten Verehrers. "Und er kommt in eine schwierige Lage, weil er nichts hat, was er ihr zum Essen anbieten kann. Also setzt er ihr den Jagdfalken vor." Eine tragische Pointe.
Erzählen gegen die Bedrückung
Dreieinhalb Jahre hat Luis Ruby an der Neuübersetzung des "Decameron" gearbeitet: 100 Geschichten, die sich – so die Anordnung – sieben Frauen und drei Männer reihum erzählen, an zehn Tagen. Sie stammen aus gutsituierten Familien aus Florenz. "Sie wollen sich nicht nur vor der Krankheit schützen", sagt der Übersetzer. "Sie wollen sich auch vor dieser Bedrückung schützen. Oder dem etwas entgegensetzen. Vielleicht ist 'entgegensetzen' noch besser, etwas Aktives."
Eines der Schlüsselwörter in der Sammlung sei Heiterkeit, so Luis Ruby. Er hat den Text auf beeindruckende Weise erschlossen und auch kommentiert. Und er hat ihn in eine Sprache überführt, die, bei aller Gegenwärtigkeit, dem Original – entstanden an der Schwelle zwischen Spätmittelalter und Renaissance – treu sein will. Dabei war Luis Ruby auch der Klang der Sprache wichtig. Das "Decameron" will laut gelesen werden: "Es wurde damals laut vorgetragen, wie es üblich war. Wie würde es sich auswirken, wenn man das auf Deutsch auch macht?"
Schlagfertigkeit der literarischen Figuren
Eine jede der Frauen und ein jeder der Männer ist Königin oder König für einen Tag und bestimmt, wer erzählt: Pampinea, die älteste von ihnen, beginnt, Filomena folgt – und immer weiter. Berühmte Geschichten werden dabei erzählt und auch diskutiert, darunter die von Melkisedek. Er ist Jude und wird von Sultan Saladin gedrängt, er möge erklären, welche Religion die wahre sei – und erzählt die Ringparabel. Lessing hat sie später für sein Theaterstück "Nathan der Weise" aufgegriffen.
Die "Falken-Novelle" stellt Fiammetta vor, Königin am fünften Tag. Sie ist mit dem zu Tisch vorgesetzten Falken noch lange nicht zu Ende. Monna Giovanna verliert auch ihren Sohn und wird von den Brüdern aufgefordert, sich neu zu vermählen. Sie antwortet, wenn überhaupt, dann nur Federigo degli Alberrighi, ihren verarmten Verehrer. Die Brüder fragen, ob sie wahnsinnig sei. Und Luis Ruby schätzt ihre Antwort und auch ihre Schlagfertigkeit so sehr: "Lieber einen Mann ohne Vermögen als ein Vermögen ohne Mann."
Neuübersetzen als Lauschen an der Wand
Für die eigene Arbeit hat Luis Ruby ein schönes Bild gefunden: Neuübersetzen heißt für ihn, einen neuen Satz Ohren an einen Text zu halten, wie an eine Wand, an der man lauscht. Was alles er dabei genau hinhörend erfahren und entdeckt hat, lässt sich bei einer Lektüre gar nicht erschöpfend erfassen. Muss es aber auch gar nicht.
Giovanni Boccaccios "Decameron" kann zum Lebensbuch werden. Die große und als großes Buch überdies haptisch toll gestaltete Übersetzung von Luis Ruby empfiehlt sich dafür ganz unbedingt.
Giovanni Boccaccios "Decameron" in der Übersetzung von Luis Ruby ist im Manesse-Verlag erschienen. Am 21.12. jährt sich der Todestag des Renaissance-Dichters zum 650. Mal.
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