Die Nase hat es nicht leicht: "Der Sprit riecht nach allem Möglichen. Das 95-Oktan-Benzin erinnert an 92-Oktan-Benzin, überhaupt nicht 'europäisch'", so der russische Politologe Ilja Graschtschenkow [externer Link], nachdem er nach eigener Aussage zwei Stunden warten musste, bis er 30 Liter tanken konnte. Er und viele weitere Kommentatoren fragen sich, wie Putin die durch ukrainische Drohnen-Angriffe verursachte Benzin-Knappheit – sogar in Moskau – kurzfristig beheben will, zumal Ende September Parlamentswahlen anstehen.
Putin: "Wir sehen es, wir wissen es"
Graschtschenkow plädiert für deutlich höhere Preise, will also die Marktkräfte entscheiden lassen, andere bevorzugen eine Rationierung, wobei begrenzte Mengen gegen Vorlage von QR-Codes abgegeben würden. Für diesen Fall fürchtet der Politologe allerdings ein Ausweichen vieler Landsleute auf den Schwarzmarkt: "Offiziell erhältliches Benzin ist zwar billig, aber schlichtweg nicht verfügbar und schwer zu bekommen. Und das ist wohl das schlimmstmögliche Szenario."
Putin selbst hatte kürzlich zu den Auswirkungen ukrainischer Drohnen gesagt [externer Link]: "Natürlich haben solche Angriffe keine gravierenden Folgen, die gab es nie und die wird es auch nie geben. Aber sie schaden uns ganz sicher; das ist offenkundig; wir sind uns darüber klar, wir sehen es und wir wissen es."
"Vielleicht helfen uns Marokko oder Myanmar"
Energieminister Sergei Ziwiljow räumte in einem Interview ein [externer Link], dass es an den Tankstellen Warteschlangen gibt, versprach jedoch, an der "Lösung des Problems" zu arbeiten und tröstete die Russen einstweilen mit dem Hinweis, er fahre einen Diesel-PKW, und Diesel sei noch überall in ausreichenden Mengen verfügbar.
Wirtschaftskolumnist Dmitri Drise schrieb dazu [externer Link]: "Diese Nachricht wird so präsentiert, als hätten die Behörden das Problem eingeräumt. Oder besser gesagt, dessen Wiederauftreten anerkannt. Das allein ist schon ein Erfolg. Schlimmer wäre es gewesen, wenn Ziwiljow die Warteschlangen an den Tankstellen geleugnet hätte."
Ironisch fügte der Kommentator an: "Vielleicht helfen uns Marokko oder Myanmar. Die Preise können wirklich nicht gesenkt werden. Und selbst wenn sie sinken, muss das Benzin ja irgendwoher kommen, und es muss genug für alle da sein. Wir warten jedenfalls auf weitere 'Geständnisse' der verantwortlichen Beamten."
"Autobesitzer verkomplizieren Angelegenheit"
Deutlich ironischer zeigte sich der St. Petersburger Publizist Michail Winogradow [externer Link]: "Das Energieministerium ist der Ansicht, dass Autobesitzer die Angelegenheit nur verkomplizieren. Sie könnten einfach zum Händler gehen und ohne Warteschlangen ein Dieselauto kaufen." Nach einer Fahrt durch die Stadt morgens um fünf Uhr verkündete Winogradow eine "gute" Nachricht: "Die Tankstellen versuchen, Panik zu vermeiden. Die Hälfte hat vorsorglich geschlossen."
Ähnlich sarkastisch formulierte es einer der mit 158.000 Fans reichweitenstarken anonymen Polit-Blogger [externer Link]: "All das geschieht vor dem Hintergrund der traditionellen Wahlversprechen von Stabilität, Einkommenswachstum und 'verbesserter Lebensqualität'. Es scheint, als werde Stabilität in Wirklichkeit jetzt an der Länge der Schlange an der Zapfsäule gemessen."
"So ist das beim Zugzwang eben …"
Für Publizist Juri Dolgoruki sind weder höhere Preise, noch eine Rationierung mittelfristig erfolgversprechend [externer Link]: "Eine klare und nachvollziehbare Entscheidung der Regierung bedeutet, dass diese das Problem und ihre Verantwortung dafür anerkennt. Wenn die Krise kurzfristig überwunden wird, sind die Kosten dieses Eingeständnisses nur vorübergehend und verursachen keinen Schaden. Hält die Benzinkrise jedoch an, müssen wir überlegen, wie wir die Unzufriedenheit der Bevölkerung beispielsweise durch Lockerungen an anderer Stelle abfedern können. Aber das will auch niemand. So ist das beim Zugzwang eben …"
Infotafel
In einer weiteren ausführlichen russischen Analyse der Ursachen für die Benzinknappheit heißt es [externer Link], der Kreml unternehme vorerst alles, um das Ausmaß der Krise zu verschleiern: "Das Eingeständnis einer systembedingten Benzinkrise könnte Putins endgültiges Verhängnis werden. Doch die Realität lässt sich nicht austricksen; sie werden die Wahlen irgendwie überstehen, und danach wird der Kreml, zumindest durch sein Handeln, anerkennen müssen, dass Treibstoff bis zum Sieg knapp bleiben wird."
Experten streiten über Raffinerie-Kapazitäten
Andere hoffen bereits jetzt auf die "bevorstehende" Weihnachtszeit und sparsamere Autofahrer [externer Link]: "Es ist jedoch klar, dass bei anhaltenden Angriffen auf Ölraffinerien neue Krisenwellen mit höchstwahrscheinlich gravierenden Folgen auftreten werden."
Derweil streiten sich russische und westliche Experten darüber, wie groß Putins Raffinerie-Kapazitäten überhaupt noch sind. Der US-Nachrichtendienst Bloomberg behauptete im vergangenen Juli [externer Link] unter Berufung auf den einschlägigen Daten-Anbieter EA Analytics, sie seien auf den niedrigsten Stand seit März 2005 gefallen.
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