Suche nach dem Mörder: Mit Plakaten, Belohnung und Phantombild wurde 1991 nach dem "rosa Riese" gefahndet. (Archivbild vom April 1991)
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Suche nach dem Mörder: Mit Plakaten, Belohnung und Phantombild wurde 1991 nach dem "rosa Riese" gefahndet. (Archivbild vom April 1991)
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Suche nach dem Mörder: Mit Plakaten, Belohnung und Phantombild wurde 1991 nach dem "rosa Riese" gefahndet. (Archivbild vom April 1991)

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True Crime der Wendezeit: Der Frauenmörder in Damenunterwäsche

True Crime der Wendezeit: Der Frauenmörder in Damenunterwäsche

Ein Frauenmörder trieb zur Wendezeit in den Kiefernwäldern Brandenburgs sein Unwesen: Das ist der Ausgangspunkt für Sophie Sumburanes Roman "Keine besonderen Auffälligkeiten". Es ist auch ein Versuch, ihre Heimat Brandenburg zu verstehen.

Über dieses Thema berichtet: Kulturleben am .

Die Schriftstellerin Sophie Sumburane ist 1987 ganz in der Nähe jener Gegend geboren, in der ihr neuer Kriminalroman spielt: Potsdam-Mittelmark. In den Wäldern dort in Brandenburg ereignete sich in den Jahren 1989 bis 1991 – also in der Wendezeit – eine Serie schrecklicher Frauenmorde. Dass sie alle auf ein und denselben Täter zurückgingen, blieb lange Zeit unbemerkt von der Polizei – der Mörder wurde am Ende mehr oder minder zufällig von zwei Zivilisten entdeckt und gestellt. Eine wahre Geschichte also, die Sophie Sumburane jetzt mit den Mitteln der Literatur erzählt. "Keine besonderen Auffälligkeiten" hat sie ihr Buch genannt. Parallel zum Erscheinen ist in der ARD-Mediathek eine dreiteilige Doku über die Recherchen der Autorin zu diesem Roman zu sehen: "Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom".

"Ich bin auf das Thema gestoßen, weil ich mich damit beschäftigen wollte, warum meine Familie, mein Umfeld Brandenburg so funktioniert, wie es funktioniert", erzählt Sumburane, "und da müssen in der Wendezeit, davor und danach, verschiedene Dinge passiert sein, die in anderen Bundesländern nicht passiert sind. Einfach, weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, dass verschiedene Probleme, Schwierigkeiten, Dinge, die unangenehm sind, oft verschwiegen werden, nicht angesprochen werden."

Ein True-Crime-Wenderoman

So einen Noir aus der untergehenden DDR hat man noch nicht gelesen. "Keine besonderen Auffälligkeiten" ist ein True-Crime-Wenderoman, der in einer trügerischen Idylle und einer unsicheren Zeit spielt, in der die alten Gesetze nicht mehr galten und die neuen noch nicht griffen. Kurz nach dem Mauerfall ging in den weiten Kiefernwäldern Brandenburgs über drei Jahre hinweg unbemerkt ein Frauenmörder umher, der die Angewohnheit hatte, seine grausamen Taten in Damenunterwäsche und rosa Frauenkleidern zu verüben.

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Sophie Sumbarane

Ein "Monster", ein "Unhold"? Sophie Sumburane probiert alle diese Bezeichnungen aus, aber sie weiß: Die übermächtigen Boulevard-Medien haben diese Person mit zwei Alliterationen in der kollektiven Erinnerung verankert. "Die Bild-Zeitung hat diesen Namen geprägt: 'Rosa Riese'", so die Autorin. "In der Super-Zeitung war er 'die Bestie von Beelitz'. Das ist schon ganz schön pervers, finde ich."

Kein echter Name für den Täter

Sophie Sumburane übernimmt diese Bezeichnungen dennoch aus einem guten Grund: um den wahren Namen des Täters nicht nennen zu müssen. Anders verfährt sie bei den Namen seiner Opfer: Edeltraud Nixdorf, Christa Naujoks, Inge Fischer, Talita Bremer und Tamara Petrakow. Sie alle treten im Roman unter ihren realen Namen auf, um sie dem Vergessen zu entreißen. Ihnen ist das Buch auch gewidmet.

Es sei zwar ein wenig heikel, die wahren Namen in einem Roman zu nennen, aber, so Sumburane: "Diese Opfer waren nicht hübsch. Das sind keine schönen Leichen, damit kann ich bei der Bild-Zeitung keine erste Seite aufmachen. Das waren einfach Rentnerinnen, ältere Frauen, nette Damen von nebenan, für die sich niemand außer die Leute nebenan interessiert hat. Und das fand ich so traurig, dass ich dachte: Ich möchte ihnen dieses Denkmal setzen, indem ich ihnen ihre Namen gebe."

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Sophie Sumburane: "Keine besonderen Auffälligkeiten" (Buchcover).

Symptom der DDR-Gesellschaft?

Geschickt wechselt Sumburane die Perspektiven und erfindet zwei Frauen, die Jugendfreundinnen Hedi und Gabi, die dem "blonden Riesen" aus dem Wald zufällig beim Baden in den Erdelöchern von Deetz begegnen, aber mit dem Schrecken davonkommen. Seitdem sitzt beiden nicht nur die Angst im Nacken, sondern der Frauenmörder "wohnt" in ihren Köpfen. Auch in den Kopf des Täters schlüpft die Autorin und lässt ihn aus der Ich-Perspektive sprechen.

Für sie ist dieser "rosa Riese" eine Person, an der man zeigen könne, "was in der DDR-Gesellschaft alles schiefgelaufen ist." Das meine sie nicht als Entschuldigung und nicht als psychologisierendes Erklärungsmodell, "sondern ich fand ihn als Sujet einfach unfassbar interessant", so Sumburane, "weil er einfach zeigt, was passiert, wenn man in einer Gesellschaft wie der DDR aus dem Raster fällt, und zwar brutal aus dem Raster fällt".

Sophie Sumburanes Wendekriminalroman "Keine besonderen Auffälligkeiten" (296 Seiten, 20 Euro) ist am 02.03. bei Edition Nautilus erschienen.

Jetzt in der ARD Mediathek: Rosa Riese – Jagd auf ein Phantom

Die dreiteilige ARD Crime Time Dokuserie beleuchtet die grausame Tötungsserie des "Rosa Riesen" in der Wendezeit. Der Serienmörder versetzt die Region Potsdam-Mittelmark in Angst und Schrecken: Er ist meist am helllichten Tag unterwegs, im Schatten der brandenburgischen Wälder. Das Phantom macht Jagd auf Frauen, tötet sie und vergeht sich an ihnen. Die Boulevardpresse stürzt sich auf den spektakulären Fall in Ostdeutschland. So wird der Serienmörder als "Rosa Riese" bekannt – wegen seiner Körpergröße und dem Tragen von rosafarbener Damenunterwäsche.

Gemeinsam mit ARD Crime Time begibt sich die Kriminalbuchautorin Sophie Sumburane auf Spurensuche in die düstere Vergangenheit ihrer Heimat. Die Narben dieser Taten sind bei den Menschen vor Ort immer noch tief, ihre Erinnerungen lebendig: Zeitzeugen, Ermittler und Reporter erzählen ihre Geschichten. Stück für Stück entsteht ein Bild, das ebenso viel über den gesellschaftlichen Umbruch jener Zeit verrät wie über den Täter.

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