Manche Paare trifft Amors Pfeil mit voller Wucht. Man liebt sich mit Haut und Haaren und an den ungewöhnlichsten Orten, stirbt mit jedem Orgasmus gemeinsam tausend kleine Tode, existiert als "Wir", eliminiert das "Ich". Warum also nicht heiraten und glücklich miteinander leben bis ans Ende aller Tage?
Vielleicht, weil's oft so läuft wie in der Anti-Romcom "Die Rosenschlacht": Mit Ehe und Familiengründung entsteht ein neues Wir-Gefühl. Der innerliche Tod ist alltags- und nicht sexbedingt, es folgt die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, die Flucht in den Beruf, und wenn doch mal wieder ein Date ansteht, ist der Treffpunkt das Praxiszimmer einer resignierenden Paartherapeutin:
"Ich glaube nicht, dass Sie in der Lage sind, Ihre Probleme zu lösen"
Sind Hopfen und Malz noch nicht komplett verloren, blitzen sie wieder auf: die Gemeinsamkeiten, dieses verschwörerische Wir gegen den Rest der Welt oder zumindest gegen die Therapeutin mit der Lizenz zur Beziehungsanalyse. Da schmunzelt das Ehepaar gemeinsam über den Gedanken, dass man angesichts der bescheinigten Aussichtslosigkeit des eigenen Falls schon einen üppigen Rabatt erwarte.
Schon nach wenigen Filmmomenten ist klar: Ivy und Theo Rose, die Hauptfiguren dieser schwarzhumorigen Tragikomödie, sind eine unperfekte Einheit. Und dennoch lässt die Anfangssequenz auf der Therapiecouch die vage Hoffnung keimen, dass dieses von Olivia Colman und Benedict Cumberbatch gespielte hochexplosive Paar vielleicht doch einen Schritt zurücktritt vom Scheidungsabgrund. Weil sie sich eben so ähnlich sind. Trotz aller Differenzen.
Remake: nicht ganz so böse wie das Original
Bereits hier unterscheidet sich "Die Rosenschlacht" von der Vorlage: Denn der Film ist eine Neuinterpretation von "Der Rosenkrieg", einer 1989 verfilmten Romanadaption mit Kathleen Turner und Michael Douglas. In der weit düsteren 80er-Jahre-Version lässt die Anfangssequenz keinen Zweifel daran, dass die Beziehung der Hauptfiguren tragisch endet. Colman und Cumberbatch, die auch als ausführende Produzenten an "Die Rosenschlacht" beteiligt sind, liefern eine nicht ganz so bitterböse Variante dieses epischen Ehekriegs. Integraler Bestandteil der Handlung ist schließlich ein Publikums-therapeutischer Ansatz. Motto: Auch wenn der Alltag und daraus entstehender Sarkasmus die Romantik von einst schreddern – irgendwo schlummert vielleicht doch noch ein wenig verloren gegangene Zuneigung.
Überhaupt gibt es zahlreiche Zeitgeist-Anpassungen in "Die Rosenschlacht". Cumberbatch ist ein geschasster Star-Architekt, dessen Ego zusammen mit einem seiner Gebäude kollabiert ist. Als Hausmann wider Willen beginnt er, die Kinder zu optimieren, sehr zum Missfallen seiner Frau, einer erfolgreichen Köchin mit expandierender Restaurantkette. Die Geschlechterrollen sind also aktualisiert, das neureiche Umfeld bleibt und wird ergänzt durch Foodporn- und "Schöner wohnen"-Sequenzen.
Das Problem dieser modernen Rosenkrieg-Variante ist: Es wird zu viel Wert gelegt auf den schönen Schein, der bröckeln muss. Wie schon 1989 macht der Film am meisten Spaß, wenn sich die Eheleute Schimpfwörter, Obst oder Wohnutensilien an den Kopf werfen. Das kommt hier vergleichsweise kurz und wirkt wie ausgebremst, wohl auch aus Rücksichtnahme auf neue Publikums-Sensibilitäten.
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