Gute Jazzmusiker beherrschen nicht nur ihre Instrumente. Sie sind obendrein unschlagbar in der Kunst des Improvisierens. Ein Talent, das auch Niki und Harry besitzen. Niki war mal ein Wunderkind am Klavier, Harry gehörte zum Inner Circle von Jazzgrößen wie Herbie Hancock. Dann entwickelte Niki ein Gehörleiden, Harry hatte einen Herzinfarkt. Als harmonisches Ersatzvater-Sohn-Gespann tingeln sie jetzt durch Manhattan und stimmen die Pianos von neureichen Möchtegern-Kulturbeflissenen. Aber die schätzen weder die Instrumente in ihren Wohnzimmern noch die erstklassige Arbeit der beiden, es kommt vor, dass sie auch noch die Toilette reparieren sollen.
Zwei Klavierstimmer unter neureichen Möchtegernspielern
Die vielschichtige Tragikomödie "The Piano Tuner" wirkt zu Beginn wie eine charmante Charakterstudie über gescheiterte Künstler am Klavier. Aber wie der Haken schlagende Jazz-Soundtrack, der dem Film seinen Rhythmus verleiht, steckt auch die Handlung voller Twists und Überraschungen. Diese werden nach und nach, um nicht zu sagen: vorsichtig integriert. Da wären zunächst romantische Elemente, die nach Drehbuch-Standard klingen, aber durchaus originell sind. Denn die Art und Weise, wie zwischen Klavierstimmer Niki und Kompositionsstudentin Ruthie die ersten Funken fliegen, hat man so noch nicht gesehen beziehungsweise gehört.
Havana Rose Liu und Leo Woodall
Als der von Dustin Hoffman gespielte Harry ins Krankenhaus muss, werden dramatische Noten hinzugefügt. Weil aber auch das keine allzu überraschende Wendung ist, kommen Thrillerkomponenten dazu. Und die verleihen der Handlung dann doch eine unerwartete Dynamik.
Mit seinem hochsensiblen Gehör kann Niki selbst modernste Safes und deren Kombinationen knacken. Und weil Harrys Krankenhauskosten explodieren, lässt er sich von einer Einbrecherbande anheuern.
Alles dabei: Romantik, Thriller, Drama
Würde "The Piano Tuner" in voller Konsequenz dem Aufbau einer Jazz-Improvisation folgen, müsste die Handlung ab diesem Moment absolut unberechenbares Terrain betreten. Dazu allerdings fehlt dem Film leider der Mut: Vieles ist vorhersehbar, manches arg konstruiert. Dem gegenüber steht die hervorragende Schauspielleistung von Hauptdarsteller Leo Woodall und das immersive Sounddesign von Johnnie Burn, der schon mit "The Zone of Interest" eine Glanzleistung abgeliefert hat.
Gute Anlagen, fehlender Mut
Dennoch: Über den Rohdiamant-Status kommt "The Piano Tuner" nicht hinaus. Was okay ist, wenn man bedenkt, dass Regisseur und Drehbuchautor Daniel Roher zuvor ausschließlich Dokumentarfilme gemacht hat. Für "Nawalny" wurde er 2023 mit einem Oscar ausgezeichnet. Gerade mal 29 Jahre alt war der Kanadier damals. Der Druck war enorm, Roher wurde depressiv, hatte eine kreative Blockade. Entsprechend ist sein Spielfilmdebüt auch eine Art Selbsttherapie. Handelt "The Piano Tuner" doch unter anderem davon, wie man nach einer Krise wieder zu sich findet. Dafür braucht es Zeit. Und dieser Film ist ein sehr guter Anfang.
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