Julian Nagelsmann ist keiner, der gerne verliert. Entsprechend angefressen erschien der gebürtige Landsberger zum Interview nach dem Aus im Elfmeterschießen im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay (3:4 i.E.). Wütend war der Bundestrainer weniger über die Leistung seiner Mannschaft, der er nicht mehr als einen "langsamen Spielvortrag" vorwarf, denn über den nicht gegebenen Führungstreffer von Jonathan Tah in der Verlängerung.
Nagelsmann sieht "Vollskandal" in der Verlängerung
In der konkreten Szene hatte Münchens Tah die Ecke des ehemaligen Nürnbergers Nathaniel Brown am zweiten Pfosten in die Maschen geköpft. Doch der Videoassistent machte den marokkanischen Schiedsrichter Jalal Jayed auf einen Zweikampf im Vorfeld aufmerksam. Zuvor hatte Waldemar Anton Paraguays Schlussmann Orlando Gill leicht im Fünfmeterraum berührt, weshalb dieser zu Boden gegangen war.
Nachdem sich der Schiedsrichter die Szene am Videobildschirm angeschaut hatte, entschied er auf Foulspiel und nahm das Tor zurück - sehr zum Unverständnis von Bundestrainer Nagelsmann. Es sei ein "Skandal, dass er das nicht zurückpfeift. Ich weiß nicht, was er da gesehen hat", echauffierte sich Nagelsmann am ZDF-Mikrofon am Spielfeldrand und legte nach: "Das ist sogar ein Vollskandal. Das ist nicht mal ansatzweise ein Foulspiel."
Schiri-Experte Wagner sieht Fehlentscheidung
Mit seiner Einschätzung war der Bundestrainer nicht alleine. Auch ARD-Schiedsrichter-Experte Lutz Wagner wies darauf hin, dass der Torwart "im Fünfmeterraum keine Sonderrechte" habe, "er hat am Spiel teilnehmen können. Für mich wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen. Ein klares Vergehen sehe ich nicht". Tatsächlich hatte sich Gill beim Kopfball von Tah schon wieder aufgerichtet, zudem war die Berührung Antons eher ein leichtes Blocken.
Auch Manuel Neuer, für den es nun wohl das letzte WM-Spiel seiner Karriere war, benötigte hinterher Aufklärung. Er wisse nicht, "aus welchen Gründen das aberkannt wurde", tappte der 40-Jährige im ZDF im Dunkeln. Der Argumentation eines Foulspiels konnte auch er nicht folgen. Für ihn war aber klar, "dass wir in der Verlängerung das Spiel für uns entscheiden", fügte er am ARD-Mikrofon hinzu. Doch dazu kam es nicht und auch ein gehaltener Elfmeter von Neuer reichte im Elfmeterschießen nicht zum Weiterkommen.
Nagelsmann will Bundestrainer bleiben
Somit scheitert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum dritten Mal in Folge vor dem Achtelfinale. Es war zudem das erste K.-o.-Spiel seit dem WM-Finale 2014. Bundestrainer Nagelsmann hatte sich nach dem Aus bei der Heim-EM gegen Spanien angriffslustig gegeben und gemeint, es sei schade, weil man nun zwei Jahre bis zum WM-Titel warten müsste. Nun werden es einige Jahre mehr.
Nach Abpfiff stellte sich natürlich auch die Frage nach der Zukunft des Bundestrainers, die der 38-Jährige direkt abbügelte. "Ich stehe zur Verfügung, wenn der DFB es nicht möchte, muss er mir das sagen", sagte er mit Blick auf ein bis 2028 laufendes Arbeitspapier. Er sei "keiner, der wegläuft".
Der deutsche Fußball liegt nach 2018 und 2022 erneut am Boden. Ob Nagelsmann den Wiederaufbau anleitet, dürfte sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.
Im Audio: Bundestrainer Nagelsmann im Interview nach dem WM-Aus
Bundestrainer Nagelsmann
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