Der 11. September 2001 und die Bilder, die an dem Tag entstanden, dürften vielen noch präsent sein. Das Ereignis hat auch geprägt, was danach kam. Politisch, aber bei vielen auch persönlich. Neben Entsetzen, Trauer, Ohnmacht und Wut verfestigte sich bei einigen noch etwas anderes: Skepsis darüber, was am 11. September wirklich passiert ist.
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Zu den Verschwörungstheorien rund um 9/11 und deren Bedeutung 25 Jahre später hat der #Faktenfuchs mit dem Historiker Claus Oberhauser von der Pädagogischen Hochschule Tirol gesprochen, der zu Verschwörungstheorien und alternativen Geschichtserzählungen forscht.
#Faktenfuchs: Herr Oberhauser, warum haben sich denn ausgerechnet um die Anschläge vom 11. September so viele Verschwörungstheorien entwickelt?
Oberhauser: In der Forschung gehen wir davon aus, dass es eigentlich zu jedem Ereignis eine Verschwörungstheorie geben kann. Aber halten tun sich Verschwörungstheorien immer nur bei ganz großen Dingen – und 9/11 war so etwas, was noch nie zuvor gesehen worden war. Es gibt immer so bestimmte Triggerpunkte, wodurch bestimmte Personen eher dazu tendieren, an Verschwörungstheorien zu glauben.
Und dieser 11. September war so ein Triggerpunkt, der wahnsinnig viel ausgelöst hat: gesamtgesellschaftliche Debatten, die es davor nicht gegeben hat, Sicherheitsprobleme, die man vorher eigentlich nicht gekannt hat, und der kritische Blick auf die amerikanische Regierung.
#Faktenfuchs: Es gibt viele konkrete – mittlerweile widerlegte – Behauptungen rund um 9/11. Etwa, dass sich das Kerosin der Flugzeuge hätte gar nicht so stark erhitzen können, dass der Stahl schmilzt. Mehrere Untersuchungen, wie etwa die des National Institute of Standards and Technology, haben das widerlegt. Wieso halten sich die Verschwörungstheorien trotzdem?
Oberhauser: Dem Verschwörungsdenken ist es inhärent, dass man genau solche Berichte, vor allem wenn sie von staatlich geförderten Institutionen durchgeführt werden, in Frage stellt. Im modernen Verschwörungsdenken sagt man, diese große, offizielle Erzählung, die es gibt, die kann nicht stimmen, weil uns eben die Bilder, die wir sehen, ja ganz deutlich zeigen: Das muss eine Sprengung gewesen sein. Und nur weil der staatliche Bericht etwas sagt, muss ich dem nicht trauen.
Es gibt dann zum Beispiel das Truth-Movement oder bestimmte Chemikervereinigungen, die dann sagen: 'Glauben wir nicht, weil unsere Daten oder unsere Ansicht zu dem ganzen Ereignis eben eine andere ist.' 9/11 ist der Startpunkt der alternativen Fakten.
#Faktenfuchs: Der Abschlussbericht der 9/11-Kommission des US-Kongresses erschien rund drei Jahre nach den Anschlägen. Ermittlungen, Untersuchungen, Analysen, Recherchen – das dauert ja auch einfach seine Zeit. Welche Rolle spielen solche Wissenslücken, die dann möglicherweise über Jahre bestehen?
Oberhauser: Diese Wissenslücken sind genau das, wo Verschwörungstheorien wirklich beginnen zu sprießen. Das war auch bei der Pandemie so. Am Anfang weiß man relativ wenig und in diesen Zeiten der Sinnsuche, der Faktensuche, wenn man nicht sofort Antworten hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zunächst davon ausgeht, hier könnte es auch eine Verschwörung gegeben haben, gar nicht so gering. Und auch dieser Kommissionsreport ist erstens spät erschienen und zweitens haben Bush und seine Administration damals gesagt, es darf alles geben, viele Untersuchungen – aber keine Verschwörungstheorien.
Und das hat es damals extrem angeheizt, dass man einfach begonnen hat, zu misstrauen. Und wenn man das dann liest und dann nicht zufrieden ist mit dem, was man findet, dann kann es eben passieren, dass Menschen dazu tendieren, dass sie sagen: 'Nein, so ist es nicht gewesen'.
#Faktenfuchs: Gibt es denn Aspekte der offiziellen Geschichte zu 9/11, über die Historiker heute diskutieren, ohne deshalb Verschwörungstheorien anzuhängen? Wo es echte Ungereimtheiten gibt?
Oberhauser: Ich stelle es ein bisschen andersherum. Wie lange müsste es eigentlich dauern, wenn es wirklich eine Verschwörung war, dass das an die Öffentlichkeit gerät? Das wäre relativ bald soweit. Weil, wenn es eine Verschwörung solchen Ausmaßes gewesen wäre, dann wären sehr viele Akteure involviert gewesen: Flug, Militär, das World Trade Center, die ganzen Mitarbeiter, wirtschaftliche Akteure.
Aber natürlich ist es auch so, dass bestimmte Dinge, wenn es um die Staatssicherheit geht, geheimdienstlich gesichert sind. Das sind dann für Historiker diese Akten, die man teilweise 100 Jahre später bekommt. Und das ist teilweise dann problematisch, weil man gar nicht zu allem etwas sagen kann, man muss manches im Dunkeln lassen. Das betrifft übrigens auch sowas wie die Ermordung von John F. Kennedy, wo immer wieder ein paar Akten rauskommen, aber einfach nicht alle.
#Faktenfuchs: Warum müssen Verschwörungstheorien nicht unbedingt schlüssig oder plausibel sein?
Oberhauser: Verschwörungstheorien in sich sind absolut schlüssig. Es gibt zum Beispiel bei 9/11 dann viele Puzzleteile, die zu einer großen Erzählung führen, und die ist in sich geschlossen, die hat auch einen roten Faden, und dieser rote Faden ist: Es war eine Verschwörung. Auch wenn wir glauben, dass das inkonsistent ist, ist es innerhalb der Erzählung nicht so.
#Faktenfuchs: Sie haben die Pandemie angesprochen und auch die Ermordung von John F. Kennedy. Verschwörungstheorien gab es schon vor 2001 und es gibt sie auch heute. War 9/11 für Verschwörungstheorien ein Wendepunkt oder ist es einfach nur die Fortsetzung von alten Mustern?
Oberhauser: Es war ein Wendepunkt, aber es sind auch alte Muster. Und diese Muster finden wir teilweise schon in der Antike, ganz stark ab der frühen Neuzeit und dann vor allem rund um die Französische Revolution. Es braucht immer auch diese medialen Welten, damit sie sich verbreiten können. Das war früher teilweise einfach nicht möglich. Jetzt ist es ganz stark möglich.
9/11 war außerdem der Auftakt der ganz großen gesellschaftlichen Krisen im 21. Jahrhundert, wie die Klimakrise – mittlerweile schon eine Katastrophe –, die sogenannte Flüchtlingskrise, die Weltwirtschaftskrise.
#Faktenfuchs: Anfang der 2000er kam die Welt so langsam im Internet zusammen und hat sich in Foren auch über den 11. September ausgetauscht. Welche Rolle hat das gespielt?
Oberhauser: Eine große Rolle. Diese Subkulturen, die gab es schon seit 1945, etwa esoterische Zirkel. Mit den Foren haben sich diese Leute das erste Mal wirklich untereinander vernetzt, das setzt sich heute etwa in Telegram-Kanälen fort. Das hat einen Katalysatoreffekt. Ich gehe in ein Forum und sehe, es gibt in Belgien, in Deutschland und Südamerika Leute und hier und da noch Gruppen.
So wird das zu einer großen Echokammer. Dort werden Ereignisse wie 9/11 dann zu einer ganz großen Erzählung verdichtet, die dann ein welterklärendes Narrativ ist. Nach dem Motto: Mir geht es schlecht, weil "die da oben" schon damals bei 9/11 dieses und jenes gemacht haben, und das zeigt sich auch heute wieder beim Ukraine-Krieg.
#Faktenfuchs: Welche Bedürfnisse erfüllen Verschwörungstheorien bei den Menschen, die daran glauben? Und warum gibt es so viele, bei denen das gerade heutzutage auf fruchtbaren Boden fällt?
Oberhauser: Verschwörungsnarrative geben in Zeiten der Krise ganz stark Sinn. Man ist völlig verunsichert, sucht nach Menschen, die vielleicht auch verunsichert sind, und kommt dann zum Schluss: 'Aber das waren doch "die da oben", die Eliten.'
Das andere Motiv ist Identität. Man ist zunächst alleine, geht auf die Suche, schaut ins Netz und findet dann andere Leute, die eine recht ähnliche Einstellung haben. Dann kann man sich in einem sozialen System zusammenfinden.
Dazu kommt auch noch das Erkenntnisinteresse. Natürlich gibt es auch Personen, die wirklich davon überzeugt sind, dass sie mehr wissen, weil sie "recherchiert" haben.
#Faktenfuchs: Das Fortbestehen der Verschwörungstheorien von 9/11, aber auch insgesamt die Popularität von verschwörungstheoretischen Mustern – was erzählt uns das über unsere Gesellschaft?
Oberhauser: Dass wir in Zeiten der gesamtgesellschaftlichen Krise davon ausgehen, dass wir in unserer Sicherheit relativ stark eingeschränkt sind. Das dürfen wir auch gar nicht so gering halten. Es ist auch einer der Gründe, warum populistische Strömungen zurzeit relativ stark wahrgenommen werden, weil sie mit denselben Mustern spielen wie das Verschwörungsdenken.
Es ist zwar nicht immer dasselbe, das darf man auch nicht alles in einen Topf werfen, aber es ist eine ganz ähnliche Erzählung. Wie eben schon bei 9/11 geht man davon aus, dass Regierungen lügen, dass wir von irgendwo gesteuert werden. Das andere ist, dass wir bestimmte Probleme ein bisschen abschieben können. Wir müssen sie nicht selber lösen, weil wir eigentlich wissen, dass die anderen, 'die da oben', daran schuld sind.
Das zieht sich übrigens durch die ganze Geschichte. Schon bei Missernten waren irgendwelche Aristokraten schuld. Aber ich glaube, dass wir uns gerade in einer Zeit befinden, wo es am stärksten um das Sicherheitsbedürfnis geht.
#Faktenfuchs: Was können wir als demokratische Gesellschaft tun, damit sich Menschen eher an wissenschaftlichen und historisch belegten Geschichten orientieren als an irgendwelchen spektakulären Mythen und Verschwörungstheorien?
Oberhauser: Wir müssen lernen, dass diese Erzählungen eine sehr große Macht haben. Was wir brauchen, sind demokratische, große Erzählungen. Dass man wieder lernt, was es bedeutet, in einer möglichst freien Demokratie zu leben, welchen Wert Medien haben, welchen Wert und welche Aufgabe Wissenschaft hat. Das ist sehr verloren gegangen, aber auch schwer zu erzählen in Zeiten der Unsicherheit. Aber wir brauchen wieder solche großen Erzählungen, die uns hier herausbringen.
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