Millionen Songs, immer und überall verfügbar. Was für die Nutzer von Streamingdiensten so komfortabel ist, ist für Musiker wenig lukrativ. Denn für eine Million Streams gibt es abhängig von der jeweiligen Plattform ungefähr "zwischen 3.500 und 5.000 Euro", sagt Michael Herberger, Geschäftsführer der Popakademie in Mannheim. Für Musiker, Label und Verlage zusammen.
Streaming als Sprungbrett
Dennoch sei es bislang für kleinere und mittlere Künstler trotzdem interessant gewesen, die eigenen Songs auf die Streamingplattformen zu stellen, sagt Fabian Schuetze. Er betreibt die Booking- und Management-Agentur Golden Ticket, die Künstler wie Martin Kohlstedt oder Black Sea Dahu betreut.
Denn viele kleinere Bands und Labels hätten von Spotify und Co. in der Vergangenheit, "massiv profitiert und sich darüber überhaupt erst Sichtbarkeit aufgebaut". Durch die weltweite Verfügbarkeit von Musik sei es auch Künstlern, die musikalische Nischen bespielen, möglich, sich eine stabile Fanbasis aufzubauen, die dann zu Konzerten kommt und Platten oder andere Merchandise-Artikel kauft.
KI-generierter Content flutet die Streamingplattformen
Aber das ändert sich gerade. Vor allem kleinere Künstler gehen in der schieren Masse an KI-generiertem Content unter, der jeden Tag die Streamingplattformen flutet. Alleine auf das Streamingportal Deezer werden nach Angaben des Unternehmens jeden Tag rund 75.000 KI-generierte Tracks hochgeladen – etwa 44 Prozent aller täglichen Uploads. Mit seinen rund 9,7 Millionen Abonnenten gehört Deezer zu den kleineren Playern auf dem Streamingmarkt. Zum Vergleich: Spotify nutzen rund 290 Millionen Menschen. Deezer kennzeichnet zwar schon KI-generierte Inhalte – und Spotify hat angekündigt, dies in Zukunft auch zu tun.
Aber bislang wissen die Spotify-Nutzer nicht, ob sie gerade KI-Musik hören. Und die klingt mittlerweile so gut, dass ein Unterschied kaum mehr auszumachen ist. Zudem ist die Handhabe von Song-Generatoren und das Hochladen auf die Plattformen kinderleicht.
Geschäftsmodell: KI-Songs
Wer jeden Tag mehrere KI-generierte Songs auf die Plattformen lädt, kann bei geringem Arbeitsaufwand zu guten Erlösen kommen, wenn die Songs dann auch in einer Playlist landen und gehört werden. Und so gebe es mittlerweile viele, die massenweise KI-generierte Songs auf die Streamingplattformen laden und "daraus ein Business-Modell gemacht haben", sagt Agentur-Betreiber Fabian Schuetze. Er gibt den Musikbusiness-Newsletter "Low Budget High Spirit" heraus, der die Entwicklungen der deutschen und internationalen Musikwirtschaft beleuchtet.
Weil sich Streaming- wie Social-Media-Dienste ihr Geschäftsmodell angepasst hätten und sich Reichweite zunehmend bezahlen ließen, würden in Zukunft ohnehin nur noch diejenigen Akteure sichtbar sein, die entweder viel Geld für Marketing mitbrächten, oder schon starke bestehende Marken seien, glaubt Schuetze.
Der Kuchen wird für Musiker in Zukunft eher noch kleiner
Für unbekannte Künstlerinnen und Künstler dürfte es indes immer schwerer werden, sich auf dem Markt zu positionieren. Denn die großen Labels generieren einen wesentlichen Teil ihrer Streamingumsätze mit ihrem Backkatalog, also mit Musik, die bereits auf den Streamingdiensten verfügbar ist und langfristig zu stabilen Einnahmen führt, sagt Popakademie-Geschäftsführer Michael Herberger. "Wenn Sie den Katalog von Michael Jackson, Pink Floyd und Prince haben, dann ist es zwar ganz nett, wenn Sie immer wieder Newcomer signen, aber letztendlich haben Sie dann schon so einen großen Tanker auf dem Ozean fahren." Sprich: neue Künstler aufzubauen – das steht nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.
Die Zukunft dürfte ohnehin so aussehen, dass KI-generierte Musik nicht mehr von externen Personen oder Bots auf die Streamingplattformen geladen, sondern auf den Streamern selbst erzeugt wird. Einfach und passgenau per Prompt, glaubt Fabian Schuetze. Das gehe "heutzutage schon bei Playlists, dass man nur noch beschreibt, für welche Stimmung die kompiliert werden sollen. Aber es wird auch bald so sein, dass die Userinnen dann direkt in Spotify die Musik quasi selbst generieren". Für Musiker ist das keine tolle Aussicht.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!
