"Moskaus Politik deutet darauf hin, dass seine Stärke an Grenzen stößt. Moskau verliert allmählich seinen Ruf als Führungsmacht im globalen Süden, wo es sich lange als Verteidiger gegen den westlichen Imperialismus positioniert hatte", so der kremlkritische Politologe Andrei Kalitin in einer aktuellen Bestandsaufnahme [externer Link].
Grund dafür: Putins offenkundige Unfähigkeit oder Unwillen, vermeintlichen "Verbündeten" wie dem syrischen Ex-Präsidenten Baschar al-Assad, dem in den USA inhaftierten venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro oder der innenpolitisch bedrängten iranischen Führung militärisch beizustehen.
"Moskau ist zum Rückzug gezwungen, verliert Verbündete und muss womöglich letztlich mit Trump zu dessen Bedingungen verhandeln", so das Fazit von Kalitin: "Die Aggression gegen die Ukraine erwies sich für den Kreml als zu kostspielig. Der Krieg zehrte nicht nur an seinen Ressourcen, sondern beraubte Russland auch der Möglichkeit, seine Rolle als globaler Akteur geltend zu machen."
Eine ähnliche Einschätzung des US-Nachrichtenportals Bloomberg [externer Link], in der es hieß, das Vertrauen in Russland sei bei dessen bisherigen Verbündeten wie Kuba und Venezuela "zusammengebrochen", Putin habe nicht geholfen, als es "am meisten darauf angekommen" sei, wurde von zahlreichen russischen Leitartiklern und Bloggern ausführlich gewürdigt.
"Allmählich Vasallenstaat Chinas"
Ähnlich sieht es einer der viel zitierten anonymen russischen Polit-Blogger [externer Link]: "Die einfachste Erklärung dafür ist, dass der Kreml eine Last auf sich genommen hat, die er nicht tragen will. Es fehlt ihm an Kraft und Mitteln, seine Bündnisverpflichtungen zu erfüllen." Allenfalls als letzte Zufluchtsstätte für Diktatoren sei Moskau noch tauglich.
Dabei belässt es der Kommentator nicht: "Man hat zudem den Eindruck, dass sich Russland, einst eine Führungsmacht (oder zumindest eine Macht mit einem erklärten Führungsanspruch im globalen Süden), allmählich zu einem Vasallenstaat Chinas entwickelt. Und auch das ist eine Folge des Krieges."
"Trump hat neun Asse im Ärmel"
Der kremltreue Blogger Alexei Schiwow (110.000 Follower) schrieb achselzuckend [externer Link]: "Man vermutet, dass das aggressive Verhalten der USA Moskau ratlos gemacht hat." Gleichzeitig kommentierte er den jüngsten, eher inhaltsleeren Auftritt Putins vor Diplomaten so: "Lassen Sie sich nicht von der betont friedlichen Rhetorik des Präsidenten täuschen; solche Erklärungen gibt er gewöhnlich vor den drastischsten und einschneidendsten Entscheidungen ab."
Infotafel
Blogger Dimitri Sewrjukow warnte den Kreml vor übereilten Schritten [externer Link]: "In Situationen wie der in Venezuela und im Iran ist es am wichtigsten, nicht alle Karten auf einmal auszuspielen, insbesondere nicht die Trümpfe. Das kommt Donald Trump gelegen, denn er hat neun Asse im Ärmel, also würde nur ein Schwächling gegen ihn spielen wollen."
"Moskaus Aggressivität hat nicht nachgelassen"
Politologe Artem Jekuschewski formulierte ähnlich vorsichtig [externer Link]: "Russland muss unbedingt auf den zunehmenden Druck des Westens auf Venezuela und den Iran reagieren, aber unsere Antwort muss besonnen und asymmetrisch sein und auf realen Fähigkeiten basieren. Wir können und sollten uns nicht auf eine direkte Konfrontation einlassen oder uns mit übermächtigen wirtschaftlichen Verpflichtungen belasten. Unsere Stärke liegt in unserer Fähigkeit, unkonventionell zu handeln."
Auf einem russischen Telegram-Portal mit 113.000 Abonnenten war zu lesen [externer Link]: "Putin möchte sich nicht in die Reihe gestürzter Diktatoren einreihen. Moskaus Aggressivität hat nicht nachgelassen, doch die gesamte Verantwortung für das sich verschlechternde internationale Klima wird dem Westen zugeschoben. Man hat den Eindruck, Putin will die Ukraine-Angelegenheit bis November 2026 hinauszögern, bis Trumps Position durch die Kongresswahlen geschwächt sein wird. Dann könne die russische Seite ein besseres Ergebnis erzielen."
Beobachter Juri Dolgoruky wählte ein Gleichnis, um Moskaus Lage zu illustrieren [externer Link]: "Druck sucht sich, wie wir aus der Physik wissen, Schwachstellen. Und wenn man diese Schwachstellen im System durch übermäßige Verbote und Kontrollen schafft, wird es früher oder später zusammenbrechen. Der Iran demonstriert das gerade deutlich, und man kann nur hoffen, dass diese Lektion von all jenen gelernt wird, die noch fähig sind, aus den Fehlern anderer zu lernen."
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