Als Microsoft-CEO Satya Nadella vor einigen Wochen eine E-Mail an seine Engineering-Leiter schickte, war der Inhalt wenig schmeichelhaft. Die Programme zur Verbindung von Copilot mit Gmail und Outlook würden "größtenteils nicht wirklich funktionieren" und seien "nicht smart", schrieb der Konzernchef laut einem Bericht des US-Magazins "The Information". Ausgerechnet der oberste Chef des Tech-Giganten zweifelt also an seinem eigenen Vorzeige-Produkt.
Microsoft hat Copilot in den vergangenen zwei Jahren aggressiv in fast alle seine Produkte integriert – von Windows 11 über Office 365 bis zum Edge-Browser. Der KI-Assistent sollte die Arbeit revolutionieren, E-Mails zusammenfassen, Präsentationen erstellen, komplexe Daten analysieren. Doch die Realität sieht offenbar anders aus.
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Nutzer suchen nach Ausschalter für Microsoft Copilot
Die Probleme, die Nadella intern anspricht, decken sich mit den Erfahrungen vieler Nutzer. In Online-Communities ist zu lesen, "niemand" habe nach dem KI-Assistenten "gefragt" – zahlreiche Windows-User suchen eher nach Wegen, Copilot abzuschalten, als es aktiv zu nutzen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während ChatGPT etwa 800 Millionen wöchentliche Nutzer erreicht, verwenden nur rund 20 Millionen Menschen Copilot regelmäßig – obwohl es auf über einer Milliarde Windows-Systemen potenziell verfügbar wäre.
Auch in Tests von "Der KI-Podcast" von BR24 und SWR bleibt der Microsoft Copilot in der Praxis meist hinter der Konkurrenz zurück. Nicht nur funktioniert die Integration in andere Microsoft-Dienste nur selten – häufig werden E-Mails oder Dokumente falsch ausgelesen. Auch die Chat-Oberfläche ist meist weniger intuitiv und leistungsstark als die der Konkurrenz. KI-Fachleute greifen in der Regel zu Tools wie ChatGPT, Claude, Gemini oder Le Chat – und nur wenig zum Copilot.
Das ist vor allem deshalb kurios, da Microsoft eigentlich die gleiche KI-Basis nutzt wie ChatGPT-Anbieter OpenAI – und deren Technologie unbegrenzt nutzen darf. Das, gekoppelt mit der Integration in Microsoft-Tools wie Teams, Outlook und Excel, sollte eigentlich eine unschlagbare Kombination darstellen. Doch in der Praxis ist davon auch nach mehreren Jahren immer noch wenig zu spüren.
Preiserhöhungen sorgen für Ärger
Neben den technischen Problemen sorgt auch Microsofts Preisstrategie für Unmut. So wurden etwa die Microsoft 365 Personal- und Family-Abos zwangsweise auf Copilot-Versionen umgestellt – verbunden mit einer Preissteigerung von bis zu 45 Prozent. Viele Abonnenten fühlten sich überrumpelt, da Microsoft kaum transparent machte, dass es weiterhin günstigere Pläne ohne Copilot gibt.
In Australien schaltete sich sogar die Wettbewerbs- und Verbraucherkommission ein. Unter diesem Druck veröffentlichte Microsoft einen öffentlichen Entschuldigungsbrief. Betroffenen Kunden bot das Unternehmen an, zur günstigeren Variante ohne KI zurückzuwechseln.
Intern erinnert Nadella seine Mitarbeiter offenbar gelegentlich an Microsofts vergangene strategische Fehler – etwa das Stolpern bei der Internetsuche und den verspielten Vorsprung bei Smartphones. Die Botschaft ist klar: Bei der KI-Revolution darf Microsoft nicht wieder den Anschluss verlieren.
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