Eine Gruppe von KI-Experten fordert: Europa muss sofort seinen Kurs bei Künstlicher Intelligenz ändern – und zwar radikal. Wenn das nicht geschieht, sei der Kontinent in ein paar Jahren wirtschaftlich ausgehölt und nichts als ein Spielball der eigentlichen Supermächte USA und China.
Dieses dramatische Zukunftsszenario zeichnet ein neuer spekulativer Bericht namens "Europe 2031", der am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird.
Welches Szenario erzählt "Europe 2031"?
Die Geschichte des Szenarios beginnt im Hier und Jetzt – und denkt dann weiter, was passieren könnte, wenn die aktuellen Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz in etwa so weiter laufen wie in den vergangenen Jahren.
Endpunkt des Szenarios im Jahr 2031: Washington kontrolliert den Zugang zu den besten KI-Modellen und teilt die beste KI nur noch mit ausgewählten Partnern. Europas Geschäftsmodelle brechen zusammen, die Steuerbasis erodiert, soziale Unruhen nehmen zu. Deutschland trifft es in der Erzählung besonders hart: Der größte deutsche Autobauer, von chinesischer Konkurrenz an den Rand der Insolvenz gedrängt, endet als Roboterfabrik unter Kontrolle eines US-KI-Konzerns – verpackt als "Partnerschaft", bei der Berlin nur noch das Gesicht wahrt.
Autor spricht von "plausiblem Szenario"
Die Autoren hinter dem Text wollen damit bewusst aufrütteln. Es soll keine Prognose sein, "sondern ein plausibles Szenario, worauf Europa gerade zusteuern könnte". Das erklärt Philip Fox, einer der Autoren, im Gespräch mit dem Podcast "Der KI-Podcast" von BR24 und SWR. Wie die anderen Autoren kommt Philip Fox aus der Mitte der KI-Politik. Fox arbeitet beim Berliner Thinktank KIRA Center, der sich mit KI-Sicherheitspolitik beschäftigt. Andere Autoren sind unter anderem die Tech-Investorin Judith Dada und der KI-Forscher Michiel Bakker.
Der Text mitsamt Titel ist eine Anlehnung an den vieldiskutierten Text "AI 2027", mit dem letztes Jahr eine Gruppe von KI-Forschern vor einer sich selbst verbessernden KI warnten.
🎧 Wie verändert KI unser Leben? Und welche KI-Programme sind in meinem Alltag wirklich wichtig? Antworten auf diese und weitere Fragen diskutieren Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub jede Woche in "Der KI-Podcast" – dem Podcast von BR24 und SWR.
Warum ist KI so wichtig?
Im Zentrum ihrer These: Künstliche Intelligenz ist weit mehr als nur eine Technologie, sondern auch ein Rohstoff. Schon heute sind moderne KI-Systeme aus vielen Unternehmen nicht mehr wegzudenken – doch diese Unternehmen sind dabei größtenteils von Technologie aus den USA abhängig.
Europa hat aktuell weder eigene Top-Modelle wie GPT-5.5 oder Claude Fable, noch hat es überhaupt die Rechenzentren, um solche Modelle selbst zu entwickeln und betreiben. Nur etwa fünf Prozent der aktuellen KI-Rechenleistung steht in Europa. Über zwei Drittel stehen in den USA. Und die Schere geht immer weiter auseinander.
Im Silicon Valley, erzählt Fox, gelte Europa vielen längst als verlorener Posten – als Kandidat für eine "Permanent Underclass", ein "geopolitisches Prekariat, aus dem man einfach nicht mehr rauskommt". Von amerikanischen Kollegen höre sein Team Fragen wie: "Warum kommt ihr nicht einfach ins Silicon Valley, nehmt das letzte Ticket, solange es noch geht?"
Was lässt sich noch ändern?
Um das schlechte Ende von "Europe 2031" noch abzuwenden, fordern die Autoren einige Maßnahmen: Darunter eine Taskforce auf höchster Regierungsebene in allen europäischen Ländern. Und konkrete Maßnahmen und Finanzierungen, 15 bis 25 Prozent der globalen KI-Rechenkapazität nach Europa zu holen. Davon sind selbst die ambitioniertesten Pläne von EU und Bundesregierung aktuell weit entfernt.
"Ich glaube, alle Regierungen in Europa, die Europäische Union und die europäischen Unternehmen müssen verstehen, dass KI eben nicht ein Thema oder eine Technologie wie alle anderen ist", so Philip Fox. "Wenn man keinen gesicherten Zugang zu dieser Technologie hat, hat man eigentlich keine Chance, über die eigene Zukunft gemäß der eigenen Werte und Vorstellungen zu bestimmen."
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