Wer einen Roboter umtritt, sollte sich nicht darauf verlassen, dass er liegen bleibt. Diese Erfahrung musste jedenfalls ein Mann im Münchner Westend machen. In einem Video (externer Link), das auf Instagram kursiert, ist zu sehen, wie er einer kleinen Maschine einen kräftigen Tritt verpasst. Der Roboter kippt um, doch anstatt sich seinem Schicksal zu ergeben, wuchtet er sich wieder nach oben. Und dann wird es kurios: Der mechanische Knirps nimmt kurzerhand die Verfolgung seines Angreifers auf. Wie die ungewöhnliche Verfolgungsjagd ausgegangen ist, ist nicht überliefert.
Bei dem Opfer handelt es sich um "Robot Westend", einen etwa 1,20 Meter großen Roboter, der seit August durch das Münchner Westend spaziert. Mit Lederhose, Trachtenhemd und Jägerhut hat er sich dort zu einer kleinen Berühmtheit entwickelt. Kinder wollen mit ihm spielen, Erwachsene machen Selfies.
Was nach dem Beginn eines Science-Fiction-Films klingt, hat allerdings eine unspektakuläre Erklärung: Robot Westend wird von seinem Besitzer ferngesteuert. Eine eigenständig handelnde KI steckt nicht dahinter. Eigentlich will sein Besitzer mit den Spaziergängen den Menschen die Angst vor Robotern nehmen.
Warum Menschen Roboter angreifen
Gewalt gegen solche Maschinen ist kein neues Phänomen. Besonders in den USA geraten Lieferroboter immer wieder ins Visier. Wissenschaftler beschäftigen sich längst mit dem sogenannten "Robot Abuse", also der Misshandlung von Robotern.
Eine mögliche Erklärung: Menschen wollen herausfinden, wie Roboter reagieren. Japanische Wissenschaftler (externer Link) beobachteten Kinder, die einen Roboter in einem Einkaufszentrum beleidigten, seinen Weg blockierten, ihn traten oder schlugen.
Bei anschließenden Befragungen zeigte sich: Viele waren neugierig auf die Reaktionen der Maschine oder hatten Spaß daran, sie zu ärgern. Manche glaubten sogar, dass der Roboter die Angriffe wahrnehmen könne.
Die Maschine als wehrloses Opfer
Oft haben diese Angriffe wenig mit schnöder Sachbeschädigung zu tun – die Szenen erinnern vielmehr an gezieltes Mobbing. Da rücken Passanten den Robotern auf die Pelle, schubsen sie oder schneiden ihnen absichtlich den Weg ab.
Der Grund für diese fiesen Spielchen liegt wohl in einer tiefen psychologischen Widersprüchlichkeit: Unser Verstand weiß zwar, dass da nur Plastik und Platinen über den Bürgersteig rollen, doch die Bewegungen der Maschinen gaukeln uns oft ein echtes Lebewesen vor. Ein Lebewesen wohlgemerkt, das sich kaum wehren kann. Wie wir solche Übergriffe moralisch einordnen, hat eine Studie aus dem Jahr 2025 untersucht. Das Ergebnis: Ob wir Mitleid mit der Maschine haben, hängt vor allem davon ab, wie sie aussieht und wie niederträchtig der Angreifer vorgeht.
Schlägt die Stimmung gegen KI um?
Hinzu kommt möglicherweise ein gesellschaftlicher Stimmungswandel. Laut dem Pew Research Center (externer Link) äußerten 2026 bereits 52 Prozent der Amerikaner mehr Sorge als Begeisterung über Künstliche Intelligenz. Fünf Jahre zuvor waren es nur 37 Prozent.
Auch in Deutschland wächst die Skepsis leicht. Laut Digitalverband Bitkom (externer Link) sahen im Frühjahr 2026 noch 69 Prozent der Befragten KI eher als Chance, fünf Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.
Womöglich müssen die rollenden Maschinen also auch einfach als eine Art Blitzableiter herhalten. Sie sind die metallenen Sündenböcke einer Entwicklung, die vielen Menschen Sorgen bereitet: die Angst um den eigenen Job, das Gefühl von Kontrollverlust oder die übermächtige Dominanz der Tech-Giganten. Ob unter der Haube der Maschine wirklich eine hochkomplexe Künstliche Intelligenz werkelt oder nur eine simple Fernsteuerung, ist dabei letztlich egal.
Wer wütend auf die digitale Zukunft ist, tritt eben nach dem, was gerade über den Gehweg rollt. Einen handfesten wissenschaftlichen Beweis dafür, dass die wachsende KI-Skepsis direkt zu mehr Roboter-Gewalt führt, gibt es bislang allerdings noch nicht.
Spiegel der eigenen Verunsicherung
Am Ende verraten diese unschönen Begegnungen auf dem Gehweg vielleicht ohnehin weniger über die Technik als über uns selbst. Ob wir den Maschinen mit Neugier, Empathie oder eben mit roher Gewalt begegnen, ist ein Spiegel unserer eigenen Verunsicherung. Die Technik von morgen kommt langsam in unserer Gegenwart an. Wie wir sie dort willkommen heißen, liegt ganz allein an uns.
🎧 Wie verändert KI unser Leben? Und welche KI-Programme sind in meinem Alltag wirklich wichtig? Antworten auf diese und weitere Fragen diskutieren Gregor Schmalzried, Marie Kilg und Fritz Espenlaub jede Woche in "Der KI-Podcast" – dem Podcast von BR24 und SWR.
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