Ganz knapp schrammte Emma Aicher in der vergangenen Saison an der ganz, ganz großen Sensation vorbei. Nur 87 Punkte fehlten der 22-Jährigen, um die alles überragende Ski-Königin Mikaela Shiffrin vom Thron zu stoßen und als erste Deutsche seit Maria Höfl-Riesch (2010/2011), als vierte Deutsche überhaupt, den Ski-Alpin-Gesamtweltcup zu gewinnen.
"Kämpft in jeder Disziplin um den Sieg" - Weidle-Winkelmann verneigt sich vor Aicher
Der Knoten bei Aicher, das ist vollkommen klar, ist seit letzter Saison geplatzt. Die Skirennfahrerin, die am Skiinternat Berchtesgaden ausgebildet wurde, fuhr ein Top-Ergebnis nach dem anderen ein. Obwohl Aicher so jung ist, hat sie schon viel erlebt. An ihrem 18. Geburtstag fuhr sie ihr erstes Weltcup-Rennen und dort direkt in die Punkte. Ihr riesiges Potenzial war früh zu erkennen, doch der große Coup ließ auf sich warten. Dreieinhalb Jahre war sie so oft so nah dran am Podest, scheiterte immer wieder knapp, leistete sich unglückliche Fehler. Dann kam das Rennen im März 2025 in Kvitfjell. Aicher wurde in der Abfahrt Zweite. Tags darauf holte sie ihren ersten Weltcupsieg.
Fortan überschlugen sich die Ereignisse rund um Aicher. Zehn Weltcup-Podestplätze in der vergangenen Saison. Ein Phänomen, weil sie als einzige Rennfahrerin alle Disziplinen fährt - und exzellent beherrscht. "Diese Vielseitigkeit. Und das auf hohem Niveau", sagt Teamkollegin Kira Weidle Winkelmann. "Sie kämpft ja in jeder Disziplin um den Sieg." Mit dem hat es bei Olympia nicht ganz geklappt. Um 0,04 Sekunden verpasste Aicher Gold in der Abfahrt, doch erreichte mit 22 das, worauf viele vergeblich eine ganze Sportlerkarriere hinarbeiten: eine Olympische Medaille.
"Wie Kira mir im Ziel entgegenkommt..." Aicher über ihren Olympia-Moment
Die Silbermedaille fristet in Aichers Trophäensammlung aber keineswegs ein einsames Dasein. 2022 gewann sie bereits Silber mit der Mannschaft. 2026 zudem eine weitere Silbermedaille mit Weidle-Winkelmann in der Team-Kombination. "Das Erste, was mir bei Olympia einfällt, ist, wie die Kira mir im Ziel entgegenkommt. Das ist mein Olympia-Bild", erinnert sich Aicher an den Moment, als klar war, dass Aicher mit einer furiosen Fahrt im Slalom dem Duo das olympische Silber gesichert hatte und Weidle-Winkelmann mit der deutschen Fahne um die Schultern jubelnd auf ihre Partnerin zustürmte.
Drei Olympische Silbermedaillen, dazu Zweite im Gesamt- und Abfahrtsweltcup, Dritte im Super-G-Weltcup, Sechste im Slalom-Weltcup. "Was du in den letzten Jahren erreicht hast, ist herausragend", sagt Weidle-Winkelmann zu ihrer Teamkollegin, als sie ihr den Bayerischen Sportpreis für ihre "herausragende Sportkarriere" überreicht - das alles mit nur 22 Jahren.
Aicher Topfavoritin auf Gesamtweltcup? Shiffrin lässt Slaloms aus
Doch Schluss soll jetzt natürlich noch nicht sein. Denn in der kommenden Saison könnte sie die vergangene in manchen Aspekten noch übertreffen. Aicher startet für viele als Topfavoritin auf die große Kristallkugel in den Winter. Denn Superstar Shiffrin möchte kürzer treten. "Ich plane, in dieser Saison weniger Slaloms zu fahren", schrieb Shiffrin in den sozialen Medien.
Mindestens die Stationen Levi und Gurgl wird Shiffrin auslassen. 200 Punkte, die Shiffrin am Ende nicht auf dem Konto haben kann. Zwar sind selbst für die US-Amerikanerin die Siege im Slalom-Rennen nicht garantiert, allerdings kann man nicht viel näher an eine Garantie rankommen als sie. Bei zehn Slalom-Rennen trat sie in der vergangenen Saison an, neun gewann sie, einmal wurde sie Zweite.
"Gelassenheit und Entschlossenheit" - Aichers Erfolgsrezept
Ob es dann tatsächlich klappt mit der großen Kristallkugel, das wird sich zeigen. Aus der Bahn werfen wird Aicher weder das eine noch das andere. Weidle-Winkelmann beschreibt das Erfolgsrezept der Ausnahmefahrerin: "Diese Gelassenheit einerseits, aber auch die Entschlossenheit. Sie weiß ganz genau, was sie will, ohne sich einen Druck draufzusetzen."
So laut Aichers Leistungen auf der Piste sind, so leise und bescheiden wirkt sie oft dann, wenn anschließend alle Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Die Interviews, der Medienrummel sind nicht ihre Welt. Die, das merkt man schnell, sind die Berge: "Man hat Freiheit. Man hat viel Platz. Es ist einfach schön", erklärt Aicher.
