Seit geraumer Zeit sind die Pressekonferenzen des FC Bayern München eine ruhige Angelegenheit. Einerseits, weil der deutsche Rekordmeister sportlich so gut wie keine Angriffsfläche bietet. Andererseits sitzt seit etwas über anderthalb Jahren mit Vincent Kompany Woche für Woche ein Trainer auf dem Podest, der exzellent kommuniziert und die selten gewordenen Kontroversen im Keim erstickt.
Bemerkenswerter Kompany-Auftritt
An diesem Freitag war es allerdings anders. Kompany ließ sich zwar bei den sportlichen Belangen erneut nicht dazu verleiten, mehr zu sagen, als er musste. Doch eine Frage traf bei dem Belgier einen Nerv. Und die Medienrunde vor dem Bundesliga-Duell gegen Eintracht Frankfurt (Samstag, 15.30 Uhr, bei BR24Sport in der Livereportage) geriet zur vielleicht bemerkenswertesten in Kompanys Zeit an der Isar.
Ein Reporter sprach den 39-Jährigen auf die rassistischen Vorfälle unter der Woche beim Champions-League-Match zwischen Benfica Lissabon und Real Madrid (0:1) an. Dort hatte Benficas Gianluca Prestianni hinter vorgehaltenem Trikot offenbar eine rassistische Tirade gegen Reals Vinicius Junior abgelassen (Sportschau-Link), so berichtete es der Brasilianer dem Schiedsrichter, der das Spiel unterbrach und das Rassismus-Protokoll aktivierte. Zudem hatten mehrere Fans auf den Rängen Affen-Gesten in Richtung des Brasilianers Vinicius gerichtet.
Mourinho redete Rassismus-Skandal um Vinicius klein
Im Nachgang der Partie hatte Benfica-Coach José Mourinho negiert, dass Prestianni ausfällig geworden sei, und seinen Klub pauschal von allen Rassismus-Vorwürfen freigesprochen. Stattdessen rückte er Vinicius' Jubel nach dessen spielentscheidendem Treffer, für den der 25-Jährige Gelb bekam, in den Fokus. Kompany sprach lange über das Thema. Rund zwölf Minuten dauerten seine Ausführungen zu der Kontroverse, seinem Kollegen Mourinho und seinen eigenen Erfahrungen mit Rassismus.
Kompany kritisiert Mourinho scharf
Die Szenen auf dem Rasen und den Rängen seien fürchterlich, stellte Kompany klar, aber: "Für mich ist es noch schlimmer, was nach dem Spiel geschieht. Nach der Partie hast du den Anführer einer Organisation, José Mourinho, der die Persönlichkeit von Vinicius Junior angreift, indem er die Art seines Torjubels aufbringt, um zu diskreditieren, was Vinicius in diesem Moment macht."
Es war Kompany anzumerken, wie sehr ihn Mourinhos Auftritt beschäftigt hatte. Besonders schien ihn der Umstand zu ärgern, dass Mourinho die Benfica-Legende Eusebio anführte, um die Rassismus-Vorwürfe zu kontern, "Weißt du, was schwarze Spieler in den 1960ern erleben mussten? War er dabei, um mit Eusebio zu jedem Auswärtsspiel zu fahren?", fragte er.
Kompany streckt die Hand aus
Mourinhos Kritik an Vinicius' überbordendem Torjubel wischte Kompany ebenfalls beiseite und verwies auf die lange Liste an Provokationen des 63-Jährigen mit dem Hinweis: "Wenn in diesem Moment jemand rassistisch gegen Mourinho geworden wäre, würde ich hoffen, dass wir alle sagen: 'Stopp, sein Jubel ist kein Grund.'"
Insgesamt war Kompanys Auftritt aber nicht nur bemerkenswert, weil er die Rechtfertigungen Mourinhos Schritt für Schritt mit viel Umsicht widerlegte und seine Argumentationen mit persönlichen Anekdoten unterfütterte, sondern weil er gleichzeitig versuchte, eine Brücke zu bauen.
Kompany: "Mein Traum, dass am Ende Raum für eine Entschuldigung ist"
"Es wäre mein Traum, dass am Ende Raum für eine Entschuldigung ist, wenn der Spieler von Benfica etwas so Fürchterliches gesagt hat. Wenn er sagt: 'Es tut mir leid. Ich habe einen Fehler gemacht.' Das sollte auch Folgen für die Bestrafung haben. Wenn du zugibst, dass du einen Fehler gemacht hast, sollte es die Möglichkeit geben, zu sagen: 'Niemand ist perfekt. Das ist ein guter Schritt'", forderte der frühere belgische Nationalmannschaftskapitän.
Ganz in diesem Sinne wollte er auch seine Kritik an Mourinho nicht als Angriff auf dessen Charakter verstanden wissen: "Ich verstehe, dass er für seine Mannschaft, für seinen Klub kämpft. Man kann kein schlechter Mensch sein und so viele ehemalige Spieler haben, die so positiv über dich sprechen", hielt Kompany fest.
Kompany zeigte seine Qualitäten
Kompanys Ausführungen waren dabei mehr als nur ein Statement gegen Rassismus, sondern bewiesen die Qualitäten des Trainers, die dem FC Bayern augenscheinlich auf allen Ebenen extrem guttun. Mit viel Umsicht und ohne jegliche Polemik analysierte er ein auch für ihn emotional aufgeladenes Thema, blieb dabei aber immer lösungsorientiert, warb für Zusammenhalt und Respekt voreinander. Zu den vielen Pressekonferenzen, die an der Säbener Straße abgehalten werden, aus denen häufig Floskeln und Belangloses aufgebauscht wird, bilden diese zwölf Minuten einen bemerkenswerten Gegenpol – und werden auch deshalb wohl noch lange in Erinnerung bleiben.
- Zur ARD-Mediathek: Der komplette Monolog von Vincent Kompany im Video
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